Der Tatzelwurm (Heloderma europaeum) ist ein alpenländisches Fabeltier. Er gilt als kleiner Verwandter von Drache und Lindwurm und soll vor allem im Alpenraum und im Alpenvorland vorkommen.1935 wurde, so wird behauptet, ein Exemplar in der Aareschlucht gesichtet. Noch heute wird gewerweisst, ob sich der Tatzelwurm noch immer in der Aareschlucht, versteckt in einer selbstgegrabenen Höhle, befindet.
Und wieder hat ein Jahr abgedankt. Reichlich Ungutes hatte sich ereignet, viele Menschen waren erkrankt und starben. Ein Riss entzweite Familien, Freunde, Bekannte, Arbeitgeber und -nehmer, Stadt und Land, Politik und Volk. Unheilvolle Seilschaften waren am Werk, es vereinigten sich Unwissende mit Pseudo-Wissenschaftlern, Sektierer mit ewig Stänkerern, Querulanten mit Veganern.
Der Tatzelwurm erwachte in seiner Felsenhöhle. Er hatte vom Krieg geträumt.
In wenigen Stunden erreichte er Muri bei Bern. Durch gepützerlete und chaotische Gärten gelangte er auf einen mit Ballonen und Girlanden geschmückten Aussen-Essplatz eines Hauses. Auf dem Rasen nahe des Tisches befand sich ein offener Sarg besetzt von einem sehr alten Mann mit friedlichem Gesicht. Um den Sarg tanzten Kinder in Halloween-Kostümen, die Blumen, farbige Blätter, Papierschnitzel, ausgeschnittene Herzen und Sterne in den Sarg warfen, bis ausser dem Gesicht des Greises der ganze Körper bedeckt war. Angeekelt eilte der Tatzelwurm von dannen, er suchte Streit und Kampf, nicht den Tod.
Lange musste er nicht suchen. In einem Patrizierhaus mit riesigem Umschwung lag sich ein Ehepaar in den Haaren. Durch Erbschaft war die Frau steinreich, ihr Mann stammte aus bescheidenen Verhältnissen, hatte jedoch ihren Herzenswunsch nach einem Kind erfüllt, obwohl er schwul war. Nun stritten sie um seine Apanage, die seine Angetraute zu kürzen suchte. Der Tatzelwurm erschreckte sie zu Tode, als er plötzlich in ihrer Bibliothek auftauchte. Der dickliche Mann, einer Sekte zugehörig, schrie: „Ein Tatzelwurm, von Luzifer gesandt, er wird uns zerstören“. Sie: „So soll er doch, du albene Schwuchtel“. Der Mann fiel auf die Knie und flehte den Wurm an, ihn zu verschonen. Ungerührt fällte ihn der Tatzelwurm und verleibte ihn ein. Die Frau sprach: „Den bin ich los“.
Die Blutrunst des wilden Tieres war damit geweckt. Nun gelüstete es den Tatzelwurm nach einer fetten, alten und einbeinigen Frau. Er stapfte unermüdlich durch die Wälder und Auen, zog sich bei Behausungen seine Tarnkappe über, um nicht entdeckt zu werden. Endlich fand er das Objekt seiner Begierde, leckte sich die Lippen und freute sich über seinen knurrenden Magen. Als er sich auf sie stürzen und verschlingen wollte, entschwand sie in ein Restaurant. Dort wartete er stundenlang auf sie, fror an die Ohren, doch sie leerte Cüpli um Cüpli und ass drei Menüs, sie soff und frass mit derselben Gier wie er, aber plötzlich ekelte er sich vor ihr, so zog er weiter und hielt Ausschau auf ein Nachtquartier. Dieses fand er im Bärengraben. Die Bären knurrten ihn an, getrauten sich aber nicht, ihm zu nähern.
Bohrenden Hunger weckte in beim Morgengrauen. Zwei Bärlein strahlten ihn an. Er verschlang sie, doch sie lagen ihm schwer auf dem Magen. Er schüttelte sich, ging eine Runde schwimmen und rannte durch den Rosengarten, doch sein Magen rumpelte weiter. In seiner gierigen Hast hatte er die Bärlein ungekaut runtergeschluckt und nun schien ihm, sie würden sich in seinem Bauch über ihn unterhalten. Dumpf echote es aus seinem Innern: „Wie gruselig er doch ist, fett und schwerfällig, schuppig und grünlich, mit basedowschen Augen und schleimigem Mund, er hat kaltes Blut und stinkt wie die Pest …“. „Haltet eure Schnauzen“, schnauzte der Tatzelwurm, „andernfalls spucke ich euch aus und kaue euch zu Brei“. Die Bärlein zitterten stumm. „Vielleicht sollten wir uns einen Ausstieg suchen“, flüsterten sie. Sie wanderten durch die Gedärme des Untiers, so dass es sich vor Schmerzen wand. Es versuchte, die Bärlein herauszuwürgen, doch sie teilten ihm Tritte in die Speiseröhre aus. In seiner Panik zog sich die Tatzelwum die Tarnkappe an vergessend, dass die Bärlein in seinem Innern und nicht seinem Äusseren rumorten.
Eine klassische Pat-Situation. Ob es schliesslich gelang, die Bärlein auszuspucken oder sich die Bärlein einen Weg nach Aussen bahnten, wird in den gesammelten, neu herausgegebenen Annalen des Jahres 2080 beschrieben. Was den Tatzelwurm betrifft, so kehrte er in seine Felsenhöhle in der Aareschlucht zurück.