definiert eine Leserin die heute übliche schriftliche Verabschiedung „Liebe Grüsse“. Von Liebe könne dabei keine Rede sein, moniert die Frau.
Stellen die „lieben Grüsse“ einmal mehr eine Steigerung dar oder eine Worthülse, die mehr scheint als ist? Sind die „lieben Grüsse“ lieb gemeint oder einfach eine gedankenlose Nachäfferei einer Nachäfferei einer Nachäfferei? Warum äffen sich Menschen eigentlich nach? Warum kreieren sie keine Neuschöpfungen? Weil Neuschöpfungen nicht genehm sind? Eine Bedienung in einem Restaurant wurde entlassen, weil sie jeweils einen „geschmeidigen“ Nachmittag wünschte (vielleicht lagen noch andere Beanstandungen vor). Worte zu erfinden stimuliert das Gehirn. Die nachgeschriebenen „lieben Grüsse“ verstopfen es. Noch schlimmer und liebloser ist es, wenn die „lieben Grüsse“ abgekürzt „lg“ werden. Die „lgs“ sind der Gipfel der Heuchelei, der Vorspiegelung falscher Tatsachen.
Ähnlich des „Tschüss“, das die Schweizer den Deutschen abgekupfert haben. Als diminutiv „Tschüssli“ wirkt es noch grotesker. Die meisten Schweizer Begrüssungs- und Abschiedsworte haben einen anderssprachigen Ursprung, wie „ciao“, „salut“, „hi“, „adieu“, „ade“, „bye“, „salve“; schweizerisch könnte „adie“ sein. Unablässig werden technische Worte erfunden, um der digitalen Welt zu Gefallen zu sein, geistesgeschichtlich greift man eher auf alte oder andersprachige Worte zurück. Leider ist den meisten Menschen die Lust auf Spracherfindungen vergangen. Und aus politischer Korrektheit, die ja wichtiger als die Sprache ist, fürchtet man sich vor neuen Worten und ist daher „fründli und fröhli mit jedem Löli“.