12. Januar 2023 Doris Schöni 0Comment

Wenn man aus lauter Dummheit die Sendung „First Dates – Znacht für Zwei“ – auf TV 3+ verfolgt, so ist man selber schuld. Ich sehe mir solche Sendungen eigentlich an, um mich aufzuregen, um genüsslich festzustellen, dass ich eine Fremde in der heutigen Welt bin.

Die Sprache dieser Menschen, die ihre grosse Liebe zu finden hoffen, also von Alter 19 bis 67, schien mir sehr verarmt. „Mega-cool“ war der am häufigsten gebrauchte Ausdruck. Es gab Paare, die suchten verzweifelt nach Gesprächsstoff, bei anderen plätscherte es vergnügt. Breiter Zürcher- und Aargauerdialekt – von Natur aus hässlich – waren am Verbreitesten. Die zusammen gewürfelten Paare duzten sich von Beginn an. Eine – dicke, hässliche, 62-jährige – Frau verliess ihren allfälligen Geliebten schon vor dem Nachtessen – das bestellte Gericht liess sie sich einpacken – , verstand den Thuner Mann nicht und fürchtete, sein Gebiss würde gleich auf dem Teller landen. Zugegeben, der 67-jährige Mann war schrecklich, aber sie glich auch keinem Hollywoodstar. Eine Kosmetikern liess im Gespräch beiläufig einfliessen, sie sei „ein Mami“, was aber ihren für sie Ausgewählten – der Sprache nach, ein ehemaliger Italiener – nicht verdross. Die beiden Homosexuellen konten ungleicher nicht sein: auf der einen Seite ein professioneller Schminker, mit dem Prädikat „art“ davor, auf der anderen Seite ein hochintellektueller Gedichteschreiber, der entsetzt war über den Satz seines Gegenübers, in seinem Leben lediglich ein einziges Buch gelesen zu haben.

Bei zwei Paaren aber klappte es: Seelenverwandtschaft, gleiche Mentalität, gleiche Ansichten, gleiche Träume, ähnliches Alter, beide freischaffend, unabhängig, selbstverantwortlich, lebensklug. Auch sie sagten: „mega-cool“. Und dann die lesbischen jungen Frauen: sie strahlten sich an, beide im Pflegeberuf tätig, die eine dicklich, die andere mit ganz kurzen Haaren, sie stritten sich nicht über fleischliche oder vegane Kost, auch nicht darüber, ob die andere des Kochens mächtig sei. Nur eitel Freude.

Frermd gewordene Welt: sie ist nicht nur wegen der Sprache fremd geworden. Es sind auch ihre Gesten, ihre Gebaren, ihre Mentalität: alle wünschten sich sich eine oder einen zukünftigen „Partnerin/Partner“, „die/der mit beiden Beinen auf der Erde steht“. Wie prosaisch. Eine sehr hübsche 19-Jährige ass wie ein Schwein und erklärte, sie wünsche sich sehnlichst ein Kind, was ihren um ein Jahr älteren Gefährten sichtlich schockierte. Der 67-jährige Mann aus Thun schimpfte wie ein Rohrspatz über die abrupte Beendung seines dates, er konnte sie kaum beruhigen. Vor allem aber die gegenseitige Ausfragerei nach bereits einigen Minuten, vornehmlich wollten sie die Zukunftspläne des anderen erforschen, die gegenseitigen Hobbies kennen lernen – meistens handelte es ich um Sport oder nebenamtliche DJ; das scheint sehr beliebt zu sein – natürlich bedienten sich die Männer englischer Berufsbezeichnungen, zum Beispiel habe ich keine Ahnung was sich hinter der Bezeichnung „key account manager“ versteckt. Anglizismen schjwirrten durch das Restaurant, das offensichtlich Kuppelei betreibt. Die Betreiber hatten eine Riesenfreude, wenn aus einem der zusammengestellten Paare richtige Paare wurden.

Nein, es folgt keine Fortsetzung.

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