23. September 2019 Doris Schöni 0Comment

Fredy hat alle Viertausender im Kanton Bern und auch in anderen Kantonen bestiegen. Er reiste nach Tansania und bezwang den mit 5895 m Höhe höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo. Auf dieser Tour lernte er seine Lebensgefährtin kennen, mit der er nunmehr über 40 Jahre zusammenlebt. Fredy war bis vor kurzer Zeit ein begnadeter Handorgel- und Gitarrenspieler, Bastler, Holzverarbeiter und Grillplatzersteller. In der Höhe über Belp stattete er einen schäbigen Grillplatz mit Sitzgelegenheiten, einem soliden Metallfeuerplatz, einem „Materialschrank“ gefüllt mit Holz, Brennmaterial, Zündhölzern, einer Grillzange, Besen und Schaufel, einem Messer aus. Und nicht zu vergessen: Zur Einkehr blickt man auf seine Steinskulptur oder besser: Auf ein Hommage an die Aaresteine, und zur Belustigung grunzt und schnaubt als Abschluss des Grillplatzes ein Wildschwein namens Rinaldo II. (Rinaldo I. wurde von Banausen zerstört). 

Und nun will Fredy, noch nicht achzigjährig, sterben. Er legte sich ins Bett und klagt seither über Kopf-, Magen- und Rückenschmerzen. Nur selten verlässt er sein Zimmer, liest nicht, hört nicht Radio, isst kaum mehr und entsagt dem Alkohol und dem Nikotin. Es ist noch anzumerken, dass Fredy unter einer Arztphobie leidet. Er verschmäht auch jegliche Medizin, ausser Alkacyl, das er hin und wieder, aus welchem Grund auch immer, schluckt. Nein, kein Arzt, unter keinen Umständen. Keine Ambulanz, er will nicht untersucht werden. Wie viele Arztphobiker vermutet er eine tödliche Krankheit in seinem Körper.

Fredy ignoriert Fernsehen, Computer, Handy (er besitzt zwar eines, hat es aber noch nie in Betrieb genommen), aber auch das Festnetztelefon, das er weder zum Anrufen noch zum Antworten abhebt. Er begibt sich nicht mehr ins Freie, das er doch so sehr geliebt hat. Er liegt in seinem Zimmer und wird immer dünner, seine Ärmchen und Beinchen ähneln jenen von Flüchtlingskindern.

Wenn ihn Freunde besuchen – und das ist eine kleine Prozedur, da er das Klingeln nicht wahrnimmt – lacht er mit ihnen und lässt einfliessen, er habe seinen Koffer gepackt. Eine poetische Umschreibung seines von ihm angekündigten Todes? Will er damit andeuten, dass er mit sich im Reinem ist?

Wir, seine Freunde, möchten verhindern, dass er sich sterben lässt. Wehmütig denken wir an sein Handorgelspiel – vom Tango über die valse musette zum Volkslied, dem Schweizerpalm, zu Zigeunerweisen, Ländler – und sehen Fredys in die Musik versunkenen Gesichtsausdruck in der Hoffnung, er möge doch seinen Koffer wieder auspacken … .

 

 

 

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