Frau Holle ist in die Jahre gekommen. Im Winter plagen sie schreckliche Schmerzen in den Gelenken. Wenn sie am offenen Fenster ihre Betten ausschüttelt, so dass es auf Erden schneit, weint sie vor Pein und ihre Tränen gefrieren und fallen als Brillianten auf den irdischen Boden. „Ich mag nicht mehr“, klagt sie ihrem Freund, dem Erdmännchen. „Ich wandere in den Süden“.
Mit einigen Kopfkissen und drei Duvets macht sie sich auf den Weg gen Süden. In Italien ist es bereits wärmer, aber die Einwohner sind zu laut für Frau Holles Nervenkostüm. Aus zwei Duvets lässt sie es schneien, die Einheimischen zeigen ihr die Faust und drohen, sie zu veprügeln, also flieht sie und bucht in Brindisi eine Schiffspassage nach Malaysia. In Singapur befreit sie sich vom einem weiteren Duvet und einigen Kopfkissen. Zum ersten Mal seit Menschengedenken schneit es im tropischen Stadtstaat. Die Menschen, völlig panisch angesichts der Schneemenge, suchen Hilfen in der schwarzen Magie. Die entfesselten Magier schütten ein Gemisch von Echsenurin und Nashornvogelkot auf den Schnee, um ihn zum Schmelzen zu bringen, vergeblich, in Sentosa, dem Strandgebiet von Singapur, tragen die Besucher Pelzmäntel. Pelzmäntel kommen aus Schweden und werden zum Verkaufsschlager. Für Frau Holle ist es in Singapur zu geschäftig, so lässt sie sich von der Malysian Airlines auf die Insel Penang fliegen.
An der Batu Ferringhi Beach, am langen Strand ausserhalb Pengangs Hauptstadt Georgestown, mietet Frau Holle ein grosses Haus wenige Meter oberhalb des Meeres. Zum Haus gehören Butler, Stewardessen, Zimmerfrauen, Köche und Gärtner. Frau Holle verbietet den Zimmerfrauen den Zugang zu ihrem Schlafgemach, entsetzt darüber, sie könnten Duvet und Kopfkissen, die noch übrig geblieben sind, ausschütteln. Nach etwa einem Monat haben sich die Federn in Duvet und Kopfkissen verklumpt und drücken auf die Gelenke von Frau Holle. Vernichten oder auschütteln? Frau Holle wägt ab, anstatt der Vernunft siegt das Herz, das sich nicht von den Gegenständen aus ihrem alten Leben – nach dem sie sich insgeheim sehnt – trennen kann.
Eines Nachts wagt sich Frau Holle, ihr Bettzeug auszuschütteln. Mit einem mulmigen Gefühl schüttelt sie erst zaghaft, dann verwegener, ihr Kopfkissen aus dem ersten Stock ihres gemieteten Hauses. Eine Art Nebel setzt sich im Sand fest. Beim Aufsteigen formen sich gefrorene Tränen zu Brillianten, die in der Strasse von Malakka verschwinden. Hat Frau Holle beim Auschütteln geweint?
In der Tat hat Frau Holle entsetzliches Heimweh. Sie sehnt sich nach Kühle, Kälte und Schnee. Sie skypt mit ihrem Freund, dem Erdmännchen, und beschreibt ihr Heimweh: „Die ständige Hitze und die heissen Nächte schlagen mir aufs Gemüt. Die Liebenswürdigkeit der polyglotten und heterogenen Einwohner nervt mich. Meer und Pools haben die Wärme einer Badewanne, eine Abkühlung findet nicht statt Ich vermisse Schnee und Eis, was soll ich nur tun?“ Das Erdmännchen verharrt aufrecht, den Blick in die Ferne gewandt. Nach etlichen Minuten des Schweigens: „So komm doch zurück. Ein kalter Winter ist angesagt mit Schnee bis in die Niederungen und Eisglätte. Was zögerst du?“ Frau Holle entscheidet sich für die Heimkehr. Mit zittender Stimme stellt sie aber klar: „Ich werde es bitte nie mehr schneien lassen“. Das Erdmännchen nickt.
Wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie mitten in der heutigen Gesellschaft. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig und arbiträr.
Im Volksmund ist Frau Holle für die Schneemenge im Winter verantwortlich, denn je gründlicher sie ihre Betten ausschüttelt, desto mehr schneit es auf der Erde. Im Volksmund ist Frau Holle für die Schneemenge im Winter verantwortlich, denn je gründlicher sie ihre Betten ausschüttelt, desto mehr schneit es auf der Erde.