… eine Frau, nicht mehr jung, dem Tod näher als der Geburt, aber um diese ging es ihr. Wie besessen verfolgte sie jede Sendung, jede Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg, um sich Klarheit zu verschaffen. Klarheit, die ihr für immer verborgen bleiben wird. Die Zeitzeugen fehlen. Jene, die es vielleicht noch gibt, stehen in keinem Zusammenhang mit ihr.
Es geht um ihre Geburt, die sich einen Monat zu früh ereignete. War es die Angst ihrer Mutter, dass sie zu früh ausgestossen wurde? Sie kam einige Tage nach Hitlers Eroberung von Paris, dem Geburtsort ihrer Mutter, auf diese Welt. In welcher psychischen Verfassung befand sich die zu früh Gebärende?
Sie war Jüdin und konnte nicht abschätzen, ob das Dritte Reich sich ebenfalls der Schweiz bemächtigen würde. Was wusste ihre Mutter von den Konzentrationslagern, dem Genozid an den Juden? Sorgte sie sich um ihre alte Mutter und um ihre drei Schwestern oder bangte ihr vor dem allfälligen Schicksal ihrer Kinder? Oder wähnte sie sich in Sicherheit und war guten Mutes?
Ihre Mutter hatte über jene Zeit kein Wort verloren. Sie verheimlichte, ja bestritt ihr Judentum. Sie hatte testamentarisch verfügt, ihre Briefe und Aufzeichnungen nach ihrem Tod ungelesen zu verbrennen. Wäre ihre zu früh geborene Tochter allein gewesen, hätte sie diesem Wunsch nicht entsprochen.
Die Eltern ihrer Mutter waren von Paris in die Schweiz eingewandert, möglicherweise in Folge der Dreyfus-Affäre; in der Schweiz liessen sie ihre vier Töchter reformiert taufen. Ihr Vater war eine schillernde Figur, fünfsprachig, hoch gebildet, aber ein beruflicher Versager, ein Dandy, der sich in Vittels Kurhotel in einem weissen Anzug ablichten liess. Dieses Bild schickte er seiner jüngsten Tochter „à ma chère petite“. Er starb früh. Zuletzt war er als Fremdenführer tätig und lebte hauptsächlich von Trinkgeldern. Es ist nicht bekannt, ob er Schweizerdeutsch sprach. Ihre Mutter jedenfalls unterhielt sich auf Hochdeutsch und Englisch. Die Schwestern sprachen auch in späteren Jahren Hochdeutsch zusammen.
Es war einmal … und die Frau, nicht mehr jung und dem Tod näher als der Geburt, wird sich nicht mit dem Märchensatz „und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ in die Ewigkeit retten. Ihre Fragen bleiben unbeantwortet. Die Familiengeschichte wird mit ihr untergehen.