7. September 2022 Doris Schöni 0Comment

Die Erinnerungen drohen mein ohnehin labiles Gleichgewicht zu gefährden. Kein anderer Mensch nahm je solch eine Präsenz ein. Es ist anzunehmen, empirisch anzunehmen, dass der Verlust eines Menschen identische Gefühle und Gedanken hervorruft, was ich also schreibe, niederschreiben muss, ist daher nichts Aussergewöhnliches, nur habe ich es in diesem Ausmass und dieser Form noch nie erlebt.

Der Priester erzählte nach dem Todesdienst hinter vorgehaltener Hand folgende Anekdote: Nach der sonntäglichen Messe gab es jeweils einen Umtrunk. F. eilte herbei, setzte sich, belegte einen zweiten Stuhl und erklärte apodiktisch: „er ist reserviert für Monsieur l’Abbé“. Wenn nun also, erzählte der Priester, F. im Himmel ankomme, Petrus mit einer kurzen Handbewegung wegscheuche, eintrete, setzt sie sich, nimmt einen zweiten Stuhl in Beschlag und erklärt: „er ist reserviert für Gott“.

Ich lache nicht. Ich schaue auch nicht die Videos, die eine ihrer Enkelinnen gesandt hat: „J’ai trouvé ces vidéos si belles que j’ai souhaité les partager avec vous tous.“ Vor meinem inneren Sinnen lebt sie, die Videos könnten mir diese Illusion nehmen. So wie ich es vermied, auf den Sarg zu blicken, deshalb versteckte ich mich auf der zweithintersten Bank, was bin ich doch feige. Grosse Worte aus einem bekommenen Innern.

Die herzerweichende Musik von Antonio Vivaldi bringt mich nicht zum Weinen.

Entsprechend meiner Art, habe ich wohl die Wichtigkeit, die auch ich in ihrem Leben spielte, unterschätzt. Am Höhepunkt der Trauer, das heisst, am Tag des endgültigen Abschiednehmens, wurde ich mit einem Wohlwollen und einer unglaublichen Empathie von ihren jurassischen Freunden sowie von ihren Enkeln und Enkelinnen bedacht, die Freunde lobten meine Treue, mit den Enkelinnen und Enkeln verbindet mich eine spezielle Komplizität. Die Töchter ähneln Schwestern. F.s neun Jahre jüngere Schwester, als einzige noch Lebende der Geschwister, im Rollstuhl, dement in einem Heim vegetierend, rief einmal meinen Namen, als klammere sie sich verzweifelt an einen Strohhalm, doch mir fehlte die Zeit, mich zu ihr zu begeben. Als sie noch nicht krank war, mochte sie mich nicht besonders. Das war allerdings gegenseitig.

Und. Und. Und.

Einer ihrer Schwiegersöhne lebt schlecht mit einem Herzen, das ihm die Inselherzspezialisten aus Prestigegründen mit fast 70 Jahren transplantiert haben, setzte sich plötzlich neben mich auf die zweitletzte Bank im unbenennbaren Raum, ging nach zehn Minuten jedoch wieder weg, er fühlte sich schlecht; sein neues Herz altert und ist schwach geworden … .

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