21. November 2021 Doris Schöni 2Comment

Es ist er erste Mensch unter meinen Bekannten, der sich umgebracht hat. Sich mit einer Schiesswaffe zu töten, ist offenbar ein typischer männlicher Suizid. Dazu braucht es den Mut der Verzweiflung.

Der erst 71-jährige Bekannte war schon einmal von der Verzweiflung übermannt worden. Als seine Frau vor etlichen Jahren starb, war er untröstlich. Er schämte sich seiner Tränen nicht – ein Macho, wie die meisten Männer seiner Generation -, der schluchzte. Nach und nach erholte er sich und überwand seinen tiefen Schmerz.

Der Grund, dass er sich nun aus Verzweiflung aus dem Leben schoss, ist für Menschen, die sehr oft an Suizid denken, ihn aber nie durchzuführen wagen, nicht ganz nachvollziehbar. Offenbar wollte ihm die Polizei den Fahrausweis für immer entziehen. Da er gehbehindert war, konnte er sich kaum mehr fortbewegen – deshalb war er in eine Altersinstitution gezogen, in der er sich sehr wohl fühlte. Das Auto bewahrte ihn, den geselligen Menschen, vor der Vereinsamung. Ob er ein Verkehrsdelikt begangen hat und deshalb seinen Fahrausweis abgeben musste, ist nicht bekannt. Er war auch zu jung für die (nach 75 Jahren obligatorische) zweijährliche ärztliche Abklärung, also entschied kein Arzt über seine Fahrtüchtigkeit.

Ein zur Immobilität erzwungenes Leben konnte er nicht akzeptieren. Dieses Leben hätte jede Qualität eingebüsst. Also schoss er. Welche Konsequenz und welcher Todesmut … .

P.S. Die Kantonspolizei handelte alles andere als empathisch. Der Verstorbene trank keinen Tropfen Alkohol und nahm wohl keine Drogen. Falls er keinen Menschen zu Tode gefahren hat, hätte die Polizei – anstatt stur Regeln zu befolgen – Gnade vor Recht (Gnade ist in der Rechtwissenschaft die Befugnis, im Einzelfall eine rechtskräftig erkannte Strafe ganz oder teilweise zu erlassen, sie umzuwandeln oder ihre Vollstreckung auszusetzen) gewähren müssen. Hätte die Polizei nicht seinen Fahrradius einschränken können, damit er sich wenigstens in seiner Gemeinde frei bewegen konnte?

2 thoughts on “Ein Mann – ein Schuss

  1. Gut geschrieben Doris. Jedoch werden wir erst über die Haltung der Justiz (es sind ja nicht die Polizisten, die Ausweise wehnehmen) wenn wir mehr erfahren. Die Hypothese, dass der arme Mann evt. deswegen eine Kurzschlusshandlung machte, mag einleuchten. Aber trotzdem wissen wir nicht, was wirklich alles in seinem Inneren vorging. Und ob irgend jemand ihm hätte helfen können.

  2. Wen man das Gefühl hat Einsam und hilflos zu sein, laufen auch dippersionische idehen. Es ist sehr schwer neue Freundschaften zu schließen. Oft sage ich mir selbst das ich bei dem Auto fahren nicht mehr so flink bin, langsamer reagiere und habe schon seid meinem 70ten Geburtstag aufgehört zu Auto zu schorfigeren. Ja die Taxis sind nicht billig aber die Auto Späßen ( Versicherung, Erhaltung, Reparaturen und so weiter) sind doch auch teuer. Also schofiere ich nicht mehr unser Auto, mache nur kürzere Fahrten mit Freunde rege mich zu sehr auf auf ihr fahren (sie sind auch keine „junge Fahrer…) und bei den Besorgungen nutze ich die Autobusse. Größere Einkäufe las ich mir schicken oder mit einem Taxi Fahrten. So lange ich ohne Hilfe weiter ein Leben führen kann denke ich nicht über „Suizide“…

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