Die Psychomachia („der Seelenkampf“) des christlichen Dichters Prudentius (* 348; † nach 405) stellt einen allegorischen Kampf zwischen personifizierter Tugenden und Lastern dar. Sie ist das erste durchgehend allegorische Gedicht der abendländischen Literatur und gilt als eines der bedeutendsten Werke der christlichen lateinischen Epik. Sprachlich lehnt sich das Werk eng an die klassisch-heidnische Poesie, besonders die Aeneis des Vergil an. Auf die allegorische Kunst des Mittelalters in Dichtung, Malerei und Skulptur übte die Psychomachia erheblichen Einfluss aus. Sie war im Mittelalter eines der am häufigsten rezipierten Gedichte der Antike.
Der Kampf zwischen Tugend und Laster symbolisiert die Gegensätze von Leben und Tod. Deren bildlicher Darstellung sind keine Grenzen gesetzt. Wenn man ihnen Gestalt verleiht, könnte sich der Kampf wie folgt abgespielt haben:
Schauspieler 1: Tugend-Leben
Schauspieler 2: Laster-¨Tod.
S2: Dass ich Sie hier treffe, erstaunt mich etwas.
S1: Das Puff ist zugänglich für jedermann. Dem Leben muss Genüge getan werden, auch wenn das der Tugend nicht passt.
S2: Sagt man dem nicht Wasser predigen und Wein trinken (Gedicht von Heinrich Heine.)?
S1: Sie unterstellen uns also, Ihre Tricks zu kopieren.
S2: Tricks? Wir haben den Totentanz ohne Tricks erfunden. Wir haben dem Tod den Schrecken genommen, die Tänzer sind liebevoll und sachte. In den Tod zu tanzen ist doch bestimmt angenehmer, als auf dem Schlachtfeld sein Leben auszukotzen.
S1: Für das Ende eines tugendhaften Lebens braucht es keinen Tanz, sondern Demut und Bescheidenheit. Abgesehen davon ist die Gewissheit, ins Himmelreich zu kommen, eine grosse Erleichterung.
S2: Ihre Selbstsicherheit ist unerträglich. Lasterhafte Menschen können tugendhafter sein als angeblich Tugenhafte. Oftmals ist der Tod eines Menschen eine Wohltat für die Überlebenden. Denken Sie nur an all die verstorbenen Diktatoren.
S1: Für die Diktatoren sind Sie, die tugendhaften, verantwortlich. Die tugendhaften sind auch die gehorsamsten.
S2: Ich bin es müde, mit Ihnen zu streiten.
S1: Werden wir wohl auch in 500’000 Jahren noch oder wieder aneinander geraten?
S2: Vielleicht haben wir dann die Rollen gewechselt.