16. Mai 2022 Doris Schöni 0Comment

Wenn das Gehen immer schwerer fällt, das Autofahren langsamer und vorsichtiger wird, immer häufiger eine Speise anbrennt, um nicht zu sagen: verkohlt und man zu all dem auch noch im Tischtennis nur noch verliert, sind diese Vorfälle ein Desaster oder einfach nur das Alter, das fort- und fortschreitet? Manchmal, aber dies ist eine Blasphemie, würde man sich ein bisschen Demenz wünschen. Die Drei-Äffchen-Strategie. Nur sein. Fröhlich und zufrieden sein, Kaum etwas mitbekommen von ausserhalb der Institution. In der Küche helfen, Stricken, Jassen und Singen, was will man mehr? Sich nicht mehr aufregen über dies und das, „ds‘ Füfi la graad sy“ und über das Geschnorr der Mit-Pensionäre lachen.

Kann man ein bisschen Demenz spielen? Nützt nichts gegen den Zorn über immer dieselben Themen. Das schwer Gehen, das langsame Autofahen, die angebrannten, ja verkohlten Speisen und die Niederlagen im Tischtennis zähneknirschend akzeptieren? Und eben nicht zähneknirschend, sondern mit Einsicht – ja dieses Modewort, das Wikipedia folgendermassen definiert: „Einsicht bedeutet in der Alltagssprache, dass Eigenschaften, Zusammenhänge und Beziehungen eines Objektbereiches subjektiv hinreichend genau erkannt, geistig erfasst und sachlich richtig begriffen werden“; Einsicht bedeutet Vernunft, Vernunft, Vernunft. Wie wird man eigentlich vernünfig. Wird man vernüftig geboren oder wird einem die Vernunft eingebläut?

Hätte mich dieser Autofahrer nicht halb zuTode gebracht vor beinahe 30 Jahren, ginge ich beschwerdenlos und würde auch im Tischtennis gewinnen. Und dann wirft man mir vor ich hätte unvernünftig gelebt und sei an meinem Desaster selbst schuld. Wohl denen, die nicht kaputt gekarrt wurden und die durch Heirat zu unverhofftem Mammon kamen!

Ist man nicht eine Art Transgender, wenn der Körper altert und der Geist nicht? Natürlich stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt im Alter noch „lohnt“, sich mit Wissen vollzustopfen? All dieses Wissen, das man im Laufe der Jahre in den Wind geblasen hat, bis man verblödet war, all dieses Wissen nachzuholen, nähme noch einmal ein Leben in Beschlag.

Das Alter: ein Aufbäumen statt Resignation, oder: ein Kampf zwischen Aufbäumen und Resignation, ähnlich der Psychomachia („der Seelenkampf“) des christlichen Dichters Prudentius (* 348; † nach 405). Bei Prudentius handelte es sich um den Kampf zwischen personifizierten Tugenden und Lastern. Leider gibt es keine Antwort auf die Frage, ob nun das Aufbäumen wie auch die Resignation eine Tugend oder ein Laster sind.

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