19. Dezember 2021 Doris Schöni 0Comment

Es war einmal ein Höfling einer Kaiserin, der zwei verschiedene Ellen zur Beurteilung von neuen Mitarbeitern am Hof einsetzte. Die Kaiserin liess ihn gewähren. Zu jener Zeit waren Mauscheleien, Favoritismus, Intrigen, politische Morde an Kaiserhöfen üblich.

Dem Höfling namens Jonathan wurden viele neue Bewerber für ein Amt am Hof empfohlen. Meistens kamen diese Empfehlungen von Freunden, Bekannten, aber auch von falschen Freunden und Bekannten. Jonathan war sehr empfänglich für  Schmeicheleien von Bewunderen, die danach strebten, ihm seine Charge abzuluchsen. Man wusste um seinen Einfluss auf die Kaiserin, deshalb kursierten etliche Intrigen gegen ihn. Jonathan war berüchtigt, ein hervorragender Buchhalter zu sein, er jonglierte mit Zahlen wie der Hofnarr mit Wortspielen. Seine Herkunft lag im Dunkeln, dies war wohl der Grund, dass er Handwerker höher einschätzte als die „Schreibtischtäter“, wie er die von ihm verpönten Geistesarbeiter nannte.

Oftmals suchten ihn Bewerber für ein Amt auch spontan auf, wenn sie sich in die Nähe des Kaiserreichs aufhielten. Eines frühen Nachmittags tauchten zwei Männer auf, die nach einer Unterredung mit Jonathan fragten. Der eine war gedrungen athletisch, mit grossen Händen, ein Jägerhut mit Pfauenfeder verliehen ihm einen kecken Ausdruck und sein Dialekt war derb. Der andere Mann war gross und schlacksig, er stotterte leicht und sein Kopf war unbedeckt. Wie er ihnen dienen könnte, erkundigte sich Jonathan. Das alte Lied: Beide suchten Verdienst durch Arbeit.

Was sie denn taugten, fragte Jonathan. Der Gedrungene mit der Pfauenfeder rühmte sein Handwerk in höchsten Tönen, er sei in der Lage, Häusle zu bauen und Holz zu spalten. Zudem sei er ein glühender Verehrer der Kaiserin. Der lange Stotterer erklärte lediglich, er sei ein Schreiber. Was er eigentlich schreibe? Er schreibe Dekrete, Bullen, Chroniken, Stundenbücher und übersetze Vergil ins Deutsche, zudem kopiere er Platons griechische Philosophie der Seelenlehre.

Jonathan kannte weder Platon noch Vergil, geschweige denn Dekrete, denn er konnte zwar rechnen, aber nicht schreiben und lesen. Das Kauderwelsch dieses Menschen verursachte einen Sturm in seinem Kopf. Seine behandschuhte rechte Hand zeigte auf den Gedrungenen: „Dich nehme ich“. Der Stotterer ging vor Jonathan auf die Knie, seine Worte überschlugen sich: „gnädiger Herr, ich scheibe für die Kaiserin das schönste Stundenbuch der Welt. Mit Miniaturen, Initialen und Rubriken, pompösen Incipit und Explicit“. Unterdessen hatte sich die Kaiserin lautlos genähert: „Stundenbücher schreibt Er?“ Der Lange errötete und nickte. „So komme Er mit mir“, ordnete sie an.

Jonathan schäumte vor Wut. „Majestätin, das können Sie mir nicht antun“, schrie er. „Dieser Mann lügt“. Die Kaiserin, ungerührt: „Warum sollte er?“ Jonathan: „Tagebücher schreibt er. Er wird Ihre Tagebücher abschreiben. Diese sind doch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“. Die Kaiserin, amüsiert: „Stundenbücher, Jonathan, sind keine Tage-, sondern Gebetsbücher“. Jonathan grollte: „Aber ich will den mit der Pfauenfeder. Der kann arbeiten“. Die Kaiserin, gelangweit: „So stell den ein“ und ging leichten Schrittes von dannen. 

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