Eine Reporter-Sendung auf TV SRF befasste sich mit den Waldmenschen von Bern. Die drei Männer, die im Bremgartenwald notdürftig leben, sind davon überzeugt, dass sie unter diesen Verhältnissen körperlich und geistig gesunden.
Im Sommer ist das Leben leichter. Die Reportage über die Waldmenschen wurde im Sommer realisiert. Sie begleitete die drei nicht mehr jungen Männer, die alle viele Jahre in ihrem Beruf gearbeitet, Geld verdient (einer gab an, es seien über zwei Millionen Franken gewesen), Steuern und AHV bezahlt, also ein bürgerliches Leben samt Wohnung und Gefährtin geführt haben. Und dann plötzlich hatten sie es satt, diese geregelte, immer stressiger gewordene Lebensweise weiter zu führen. Sie scherten aus in den Wald, lernten sich unter den Bäumen kennen und bauten zusammen ihre Wald-WG auf. Die erste befand sich im burgerlichen Forst; die Burgergemeinde hatte kein Einsehen für die Aussteiger und verwies sie des Platzes.
Im Bremgartenwald fand die Dreiergemeinschaft eine schwer zugängliche, kleine Lichtung und baute ein neues Lager auf, mit von Sonnensegeln geschützten Schlaf- und Wohnzimmern, einer Feuerstelle und einer natürlichen Toilette. Der Reporter begleitete die Waldmenschen auf ihren Säuberungsstreifzügen: Sie entsorgen den Müll, den adhoc-Waldschläfer zurück gelassen haben. Mit den prall gefüllten Rucksäcken wanderten die drei Männer in die Stadt und benützten die Gelegenheit, sich in einem Brunnen zu waschen.
Der Reporter verbrachte drei Tage und Nächte in seinem eigenen Zelt auf dem Areal der Waldmenschen. Er kämpfte mit zwei sich widersprechenden Gefühlen: Einerseits gefiel ihm das Waldleben, andererseits jedoch befremdete es ihn, dass die Waldmenschen keine Steuern und Krankenkassenprämien entrichten, sich dem modernen Leben entziehen, sich einer von ihnen auf Kosten der Sozialhilfe ohne Zwänge und Verpflichtungen im Wald aufhielt. Sein nicht sehr lobendes Fazit: „Sie quatschen und kiffen zuviel“. Er suchte das Gespräch mit Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause, der die Waldmenschen gewähren lässt, solange sich nicht tausend andere, des bürgerlichen Lebens müde gewordene Bürger den Bremgartenwald besiedelten.
Der Bremgartenwald ist im Sommer paradiesisch: Vogelgesänge, Blätterrascheln, Sonnenblitze, viele Grünschattierungen, der Durft nach Holz und Harz, die Ruhe, die geradezu zum Denken ruft. Eignen sich lediglich geläuterte Menschen zu einem solchen Leben ohne Komfort, ohne Beziehungen zum alltäglichen Leben im Beruf und in der Familie, ohne Schick, Auto, Ikea-Möbeln, Restaurantbesuche, Reisen und Konsum? Und ohne Badezimmer. Doch gerade deswegen fühlen sie sich eins mit sich selbst, eins mit der Natur, eins mit dem Wald. Sie verweigern das heutige Leben in einer Gesellschaft, die immer mehr nach billigen Effekten hascht, die der Technik mehr Aufmerksamkeit gibt als der Kultur, die dem Hedonismus frönt und in der das Ich mehr zählt als das Wir.
Die Waldmenschen erinnern an den französichen Film „Alexandre le bienheureux“, in dem sich der Protagonist ebenfalls dem täglichen Leben verweigert, doch statt im Wald lässt er sich in seinem Bett nieder und schickt seinen Hund zum Einkaufen. Dieser Film erzählt amüsant und geistreich vom opulenten, leichten Leben eines Aussteigers, der sein Nichtstun ohne moralische und sozialkritische Anspielungen geniesst.