Die Zeit scheint reif zu sein, dass sich ältere Frauen einer Männerdomäne bemächtigen, die ihnen bislang vorenthalten war: nämlich der Domäne des Altersunterschieds. Seit Jahrhunderten war das Bild des angegrauten Mannes mit einer wesentlich jüngeren Frau eine Selbstverständlichkeit. Im Geheimen nannte man solche Männer spöttisch „Sugar Daddies“, aber eigentlich bewunderte man sie um ihre Fähigkeit, junge Frauen zu erobern und zu „besitzen“.
Ältere Damen um die Fünfzig oder Sechzig haben nun den Mut, mit mehr als um die Hälfte jüngeren Männern – meist in tropischen Gefilden – eine Liebschaft einzugehen. Sie verwöhnen diese Liebhaber mit vielen körperlichen und materiellen Zuwendungen. Sie öffnen neue Welten für sie und lehren sie, sich zu benehmen, geben ihnen Selbstwertgefühl und zeigen eine unglaubliche Toleranz gegenüber Unbildung und oftmals bizarren Volksbräuchen.
Diese älteren Frauen können sich aber nicht auf den Lorbeeren ihrer Eroberungen ausruhen. Gäbe es einen Jungbrunnen, würden sie ihn kaufen. Hektisch lassen sie sich verjüngen, entrunzeln, botoxen, Fett am Bauch absaugen und ins Hinterteil befördern, die Haut straffen, die Lippen zu einem Schmollmund aufspritzen und die Fingernägel in Klauen zu verwandeln. Der Stress, jünger auszusehen, um den Busenfreund bei Laune zu halten, auf dass er nicht jungen Mädchen nachschaut, ist beträchtlich, die Kosten für die kurzfristigen Renovationen ebenfalls. Nicht selten wird dieser Stress mit Alkohol relativiert oder eingedämmt. Ihren fast-noch-Jünglingen fehlt es an nichts: Sie besitzen die neusten und teuersten i-Phones, tragen schicke Markenuhren made in Switzerland und leben in komfortablen Wohnungen.
Psychologisch aufschlussreich – und es ist fraglich, ob die Frauen sich dessen bewusst sind – ist die Macht, die diese Frauen ausüben. Sie haben das Sagen, das Wissen, das Geld. Sie regen und ordnen an, sie treffen Entscheide, sie binden mit dieser Macht die Männer an sich wie Schosshündchen, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen. Es ist, als ob sie sich an ihren vorherigen Männern rächen wollten.
Die neue Tendenz ist natürlich nur wegen der heute finanziellen Unabhängigkeit der Frauen realisierbar. Das ist ein Segen, aber gleichzeitig auch ein Fluch. Die genuine – oder angelernte – Dezenz der Frauen geht grösstenteils verloren, sie wird einfach über Bord geworfen. Sie riskieren, sich lächerlich zu machen und vor allem als Verliererinnen aus solchen Liebesbeziehungen hervor zu gehen. Ihre Verjüngungsmassnahmen sind nicht endlos zu wiederholen und eines Tages sind ihre Runzeln, faltige Haut, Hängebrüste nicht mehr zu reparieren. Im Gegensatz zu alten Männern, die trotz dicken Bäuchen und Steckenbeinen mit gut aussehenden Frauen bestückt sind, werden sie verspottet und mit Schadenfreude übergossen. Es ist bitter, wenn sie von ihren Liebhabern einer jüngeren Frau wegen verlassen werden.
Frauen über sechzig errichten sich im Grunde genomme ein Bollwerk gegen den Tod, wenn sie sich wider jede Vernunft in ein Liebesabenteuer mit einem jungen Mann stürzen. Noch einmal jung sein, im Liebeswahn die Unbillen des Alters hinausschieben: Sie bezahlen einen hohen Preis für die Illusion, zu lieben und geliebt zu werden.