Ein in voller Blüte stehendes Sonnenblumenfeld ist ein Augenschmaus. Das satte Gelb ruft sommerliche und ausgelassene Gefühle hervor. Die fleischigen, grünen Blätter mit den weissen Härchen begleiten die Blumen in alle Richtungen. Die Kernen werden langsam braun und glänzen. Die Sonnenblumenfelder zeugen von Prosperität und Gradlinigkeit. Die Blumen stehen akkurat ausgerichtet ähnlich eines Heeres, keine schert aus oder fällt hin.
Einige Wochen später sind die Sonnenblumen am Sterben. Ihre Blumen sind zu gross und zu schwer geworden für die nunmehr ausgezehrten Stängel, die aussehen wie menschliche Oberschenkelknochen, die beim Verwesen Bänder, Muskeln, Sehnen, Fett etc. eingebüsst haben. Viele Stängel sind entzwei gebrochen, ihre Blumen neigen sich der Erde zu, das Gelb färbt sich braun und in den Wasserköpfen sind die Kernen schwarz mit Stich ins Graue. Käfer krabbeln über die Kernen und über die ehemalige Blüte, die nun aussieht wie die Schlafhaube von Rotkäppchens Grossmutter.
Ein sterbendes Sonnenbumenfeld. Es weckt negative Assoziationen, Assoziationen von Verderben und unwiderruflichem Vergehen. Es erinnert nicht daran, dass aus den Kernen und dem verrotteten Grün Öl gepresst und verkauft wird. Es graut einem bei der Vorstellung, dass mit diesem Öl gebraten und es unter anderem für Salatsaucen verwendet wird. Leichenöl … . Auch Tiere müssen sterben, bevor sie verzehrt werden. Offensichtlich entspricht ein solcher Ablauf dem Gesetz der Natur.
Es ist ein kleiner Trost, wenn Menschen mit ausschliesslich positiver Grundhaltung erklären, im nächsten Juli könne man sich erneut an wogenden Sonnenblumenfeldern erfreuen. Solche Menschen haben die lange Agonie diesere Blumen nicht erlebt. Sie (über) schätzen alles Neue, ohne sich des Vergangenen zu erinnern. Man wünschte sich Sonnenblumenfelder, die ewig leben und deren glänzende Kernen nicht gepresst werden.
Requiem – Requiescat in pace.