10. Dezember 2021 Doris Schöni 1Comment

Es war einmal … . Die kleine Muckin, deren Mutter bei ihrer Geburt starb, wurde als Missgestalt geboren. Ihr Vater schämte sich ihrer, lebte fern von ihr, liess sie aber von einem Diener versorgen. So wuchs sie auf in Einsamkeit. Sobald sie krabbeln konnte, robbte sie an die Sonne und liess sich bescheinen. Ihre Haut wurde dunkel und ihre Haare ringelten sich. Die Kinder des Dorfes johlten bei ihrem Anblick und schrieen: „Muckin, was bist du hässlich. Deine Mutter hätte dich beim ersten Bad ertränken müssen“. Muckin kannte noch nicht viele Wörter, also lächelte sie selig. Die Dorfkinder erschraken. Warum wehrte sich die Krüppelin  nicht?

Jeden Tag nun kroch Muckin in die Sonne und wartete auf die Kinder. Diese johlten schon von weitem und schrieen: „Muckin, die Sonne wird dich verbrennen. Dann wirst du noch hässlicher“. Die kleine Muckin strahlte und begann, zu den Kindern zu trippeln. Dabei stolperte sie über ihre viel zu grossen Füsse und purzelte, was bei den Kindern eine riesige Heiterkeit auslöste: „Muckin, geh zum Zirkus, das ist der einzige Ort, an dem man dich brauchen kann“.

In ihrer Einsamkeit rätselte die Muckin über das Wort Zirkus. Kurz entschlossen schnürte sie einen Bündel und ging in die grosse, weite Welt. Sie hatte die Gabe, mit Tieren zu sprechen, also gesellte sich ein Hund zu ihr, ein kluger, schwarz-weisser Border Collie, der sie gegen böse Menschen verteidigte. Der Hund brachte ihr Nahrung und buddelte jede Nacht einen warmen und weichen Schlafplatz, den sie zusammen teilten.

Eines Morgens folgten sie einem mickrigen Fluss, der in einem Feld versandete. Der Hund grub aus dem Sand zwei Gegenstände: einen Stock und ein Paar Schuhe, die in gutem Zustand waren. Als die Muckin den Stock in die Hände nahm, erschien ihre Mutter und flüsterte: „Mein Kind, meine kleine Muckin, ich erfülle dir jeden Wunsch“. Die Muckin schwieg und zog sich die Schuhe über. Sie hob ab und schwebte über das Land. „Hund, mein Hund“, weinte sie und warf einen der Schuhe zur Erde. Der Hund zwängte seine beiden Vorderpfoten in den Schuh und flog seiner Freundin nach. Beide freuten sich über ihr Wiedersehen und wetteiferten mit kühnen Kapriolen am Himmelszelt.

So schwebten sie über Wüsten und Meere. Dann hörte und roch der Hund einen Zirkus und Muckin befahl seinem Stab, sie dorthin  zu fliegen. Sanft wurden sie mitten in der Manege abgestellt. Der Zirkusdirektor, wütend über die Störung seiner Pferdevorführung, herrschte sie an: „Geht weg. Gesindel“. Und fügte böse bei: „Missgeburt du“. Die kleine Muckin lächelte strahlend, während der Hund knurrte, und befahl ihrem Stab: „Verwandle ihn in einen Esel“. Und der Zirkusdirektor wurde zum Esel und keuchte nur noch „iah“ und dicke Tränen kullerten aus seinen globulösen Augen. Die kleine Muckin empfand Mitleid mit ihm. Sie verwandelte ihn zurück in den Zirkusdirektor, der nun vor ihr in die Knie fiel und sie bat, beim Zirkus zu bleiben mitsamt ihrem Hund.

Seit dann lebten die kleine Muckin und ihr Hund im Zirkus. Sie hatten eine Nummer einstudiert, die gefiel, besonders den Kindern. Die kleine Muckin stolperte über ihre viel zu grossen Füsse und purzelte zehn Minuten lang, ihr Hund bellte, jaulte und knurrte „Oh du fröhliche, oh du selige Zirkuswelt“. Einige bigotte Land- und Stadtbürger beschwerten sich beim Direktor über die Blasphemie des Hundes. Der Zirkusleiter fand jedoch grossen Gefallen an der kleinen Muckin, vor allem an ihrem Zauberstab, der ihm manche Zusatzgaben ermöglichte, also wedelte er die bigotten Beschwerer aus dem Zelt und rief ihnen nach, sie hätten Hausverbot.

Die kleine Muckin und ihr Hund alterten gemeinsam. Die Stunde schlug ihnen ebenfalls gemeinsam. Man sah sie am Horizont verschwinden. dort wo Wasser und Himmel ins Nichts übergehen.

 

One thought on “Die kleine Muckin (nach der neusten Version von „Tausend und eine Nacht“)

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