Die gute und die böse Fee treffen sich unter den Lauben. Die böse Fee will weitereilen, doch die gute Fee hält sie auf. „Salü“, haucht sie. „Wie geht es dir?“ Die böse antwortet unwirsch: „Schlecht wie immer. Warum?“ Die gute Fee schaut besorgt: „Was fehlt dir denn?“ Die böse auf dem Sprung weiter zu eilen: „Zu viele Spiesser wie du“. Die gute: „Bin ich denn eine Spiesserin?“ Die böse schaut böse: „Du bist deren Prototyp.“
Sie kennen sich von der Schule. Die gute Fee war eine Streberin, die böse schlängelte sich durch die Klassen. Die gute denunzierte die böse bei den Lehrern und sicherte sich damit viele Vorteile. „Wer“, fragt die böse Fee, „hat uns eigentlich die Adjektive gut und böse verliehen?“ „Wir selber.“ „Umgekehrt wäre besser gewesen.“ Die gute Fee: „Du bestandest darauf, die böse zu sein.“
In der Schule hassten sie sich leidenschaftlich. Dauernd geschahen schlimme Dinge, Anschreien war noch harmlos, Prügeleien an der Tagesordnung. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Familien. Eine bildungsnahe und eine bildungsferne Familie. Die Eltern der bösen Fee rauchten Joints. Jene der guten tranken Bordeaux und Kräutertee aus dünnem Porzellan. Der bösen wurden viele Freiheiten gewährt. Die gute besuchte einen Tanzkurs. Auch im Sport betätigten sie sich völlig unterschiedlich. Die gute, etwas rundlich, vergnügte sich mit etwas Gymnastik, die böse spielte bis zum Umfallen Faustball.
„Und deine Eltern?“ erkundigt sich die gute Fee. „O, mein Vater wurde beim Wildern angeschossen, ist halbseitig gelähmt und peinigt meine Mutter.“ „Meine,“ erklärt die gute ungefragt: „wohnen nun in Spanien“. „Bist du verheiratet?“ will sie wissen. „Geschieden, zweimal,“ berichtet die böse Fee. „Auch ich,“ gesfeht die gute Fee.
Das Gespräch stockt. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. „Ich muss jetzt gehen,“ erklären sie unisono. Und jede geht in eine andere Richtung.