31. Dezember 2021 Doris Schöni 0Comment

In einem Land, das noch erfunden oder gefunden werden müsste, leben fünf Schweine-Familien zusammen. Sie haben ein glückliches Leben, nur wenige Metzger entdecken dieses Paradies, und kommt dennoch einer vorbei, so schlachtet er nur die Menge, die er benötigt. Solche Vorkommnisse sind jedoch selten und die Schweine-Gemeinde lebt in Frieden. Eines Tages bemerken die Paarhufer, dass eine unbekannte Kreatur ihr Paradies durchwandert hat. Zuerst fürchten sie, es sei ein Metzger oder Jäger, doch sind dann erlöst und auch beeindruckt, als sie eine himmelhohe Giraffe entdecken, die durch die Felder um ihre Behausungen streift.

Die Vorsitzenden der fünf Familien – alle weiblich – heissen die Giraffe freundlich willkommen: „Wir grüssen dich, Hoheit. Wir sind glücklich, dass du den Weg zu unserem Paradies gefunden hast.“ Die Giraffe erwidert die Grüsse und fragt erstaunt: „Paradies, sagt ihr? Warum glaubt ihr, im Paradies zu leben?“

Die Schweine schweigen. Die Giraffe beugt sich hinunter und bemerkt, dass jedes Schwein sonderbare grüne Blätter kaut. Sie fragt neugierig: „Habt ihr spezielles Futter?“ Die Schweine deuten auf die Felder, auf denen nichts anderes wächst als auf allen Feldern, die übrigens weiter reichen als die Giraffe sehen kann. Nirgendwo ist ein Haus zu beobachten.

„Lebt ihr alleine?“ wundert sich die Giraffe. Die Schweine nicken. Sie führen den Gast zu ihren Behausungen, in denen alte, junge  und Schweine-Säuglinge schlafen, essen, spielen und streiten. Die Eber schauen zur Giraffe, dieser Höhenweltmeisterin, auf und grunzen einen Willkommensgruss. Dann verziehen sie sich  geschäftig auf die Felder. Die Säue bringen Grasbündel und füllen eine rostige Kinderbadewanne mit frischem Wasser. Mit Kopfbewegungen laden sie die Giraffe ein, vom Gras zu fressen und vom Wasser zu trinken. Mit vollem Mund möchte die Giraffe wissen, warum die Schweine alleine leben und woher der riesige Futtervorrat stammt. Doch je mehr die Giraffe frisst und trinkt, umso hungriger und durstiger wird sie. Die Säue schauen sie an und lächeln.

Die ganze Schweineherde möchte nun die Geschichte ihrer Gemeinschaft erzählen. Die Giraffe bestimmt eine Sprecherin, und zwar die fetteste Sau mit rosafarbigen Augen, weissen Wimpern, einer grossen Nase und riesigen Nasenlöchern. Bevor sie mit der Erzählung beginnt, nimmt sie sich einige grüne Blätter und verschlingt sie. „Also“,beginnt sie, kauend und schmatzend, „ein florierender Bauernhof wurde eines Tages verlassen“. Die Säue brechen in Lachen aus und suhlen sich aufgeregt. Plötzlich wird die Giraffe übermütig und fühlt eine gewisse Unsicherheit in den Beinen. Sie legt sich nieder und streckt ihre langen Beine aus. Sie blinzelt und sagt heiser: „Ich höre. Fahre bitte fort“.

„Also“, erzählt die fette Sau, „der Bauer, seine Frau und Kinder, seine Eltern, seine Brüdr und Schwestern, Tanten, Cousins, Mädchen und Knaben, die Familienhunde und -katzen, die Hühner, Pferde, Kühe und Schildkröten verliessen den Hof des Nachts wie Diebe. Nachher rannten viele Tiere davon und der Hof verwahrloste. Unsere Herde stimmte ab und einstimmig wurde beschlossen, hier zu bleiben“. Unterdessen ist die Giraffe eingeschlafen und stöhnt vor Wohlbehagen. Die Säue legen getrocknetes Gras unter ihren Kopf und beschäftigen sich mit ihren Kindern.

Als die Schweine lachend und scherzend zurückkommen, werden sie von den Säuen aufmerksam gemacht, dass die Giraffe mit einem zufriedenen Ausdruck schlafe. Die Gemeinschaft flüstert, dass sie froh wäre, die Giraffe zu beherbergen, da sie mit ihrem langen Hals die umliegenden Felder überblicken könnte. Träumend murmelt diese, ihr sehnlichster Wunsch wäre, bei den Schweinen zu bleiben. Diese klatschen begeistert, ohne den Schlaf der Giraffe zu beeinträchtigen.

Am nächsten Morgen grast die Giraffe fröhlich summend, bevor die Herde aufwacht. Die fette, dickbäuchige Sau mit den rosafarbigen Augen unterrichtet die Giraffe darüber, dass die Gemeinschaft einstimmig beschlossen habe, der Giraffe Gastfreundschaft anzubieten. Die Giraffe ist  einverstanden, bei der Herde zu bleiben, und sie leben glücklich zusammen, bis …

Bis eines frühen Mogens ein Auto mit lauter Musik auftaucht. Singend und pfeifend steigt ein junges Paar aus. Die Frau und der Mann kichern und umarmen sich, bevor sie getrennt zu den Feldern laufen. Zehn Minuten später rasen drei Autos und ein Lieferwagen herbei, aus denen eine Ladung von Polizisten aussteigt. Sie schwärmen aus und schreien in die Felder: „Polizei, kommen Sie heraus“. Die erschreckten Schweine hören Schüsse. Die Giraffe reportiert aus ihrem Ausguck jedes Detail der Verfolgung. Das junge Paar wird festgenommen und mit Handschellen in eines der Autos verfrachtet. Die Schweineherde ist erleichtert, doch die Polizisten kehren zurück. Sie beginnen, auf den Feldern eine Pflanze nach der anderen auszureissen. Sie verbrennen die ausgerissenen Pflanzen und fluchen wie die Bürstenbinder. Sie schimpfen, die jungen Leute sollten Bier trinken wie jedermann. Sie lästern über das Teufelszeug, das die Gehirne der jungen Leute benebelt, so dass sie eher kreativ werden, anstatt richtig zu arbeiten. Dann verlassen sie den Ort, ohne zurück zu blicken. Die Herde und die Giraffe beäugen die angerichtete Katastrophe. Die Felder sind verwüstet, aber nicht zerstört. „Also“, verkündet die fette, dickbäuchige Sau, „wir werden die Gürtel enger schliessen müssen“. „Keine Sorge“, beruhigt die Giraffe und streckt ihren langen Hals, „diese Pflanzen, die uns vor körperlichen und mentalen Beschwerden bewahren, die uns fröhlich und friedlich machen, sind stärker als die Polizei“.

Eines Tages kehrt das junge Paar zurück und bittet, bleiben zu können. Einige Äonen später erscheint eine neue, Asyl suchende Polizisten-Generation.  Und alle leben glücklich zusammen, für immer und einen Tag.

 

 

 

 

 

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