Mysterien der Natur – oder sollte man sagen: Launen? Aus einem Doppelei schlüpften Zwillingsentchen, männlichen Geschlechts. Zusammen mit acht Geschwistern wuchsen sie in einem kühlen Sommer auf. Die Zwillinge liessen sich nie aus den Augen, aber sie zankten sich, je älter sie wurden. Ihre Mutter versuchte, sie bei Streiterien zu trennen, bekam dabei aber immer öfters Schnabelhiebe.
Ende des Sommers lösten sich die Grossfamilien auf, der nunmehr erwachsene Nachwuchs zog aus, um eigene Reviere zu finden. Lediglich die Zwillingsbrüder blieben bei der Mutter. Sie verhielten sich weiterhin wie Entenkinder, stritten sich, bekämpften sich, verletzten sich gegenseitig. Andererseits entwickelten sie die verschiedensten Laute, wie Rufe, Pfeifen, Schnattern, Fauchen, Grunzen, Quaken, Piepsen und waren auch imstande, andere Tierlaute zu imitieren. Einer der Enteriche gackerte plötzlich wie ein Huhn, der andere miaute, keiner verstand den anderen, also brauchten sie ihre Entensprache, um sich zu erklären. Der miauende schrie: „Warum sprichst du die schreckliche Sprache der Neonazis?“ Nicht mehr gackernd antwortete der Gackernde: „Neonazi? Spinnst du? Alle schwimmenden Kreaturen gackern“. Sein Pendant schnatterte: „Also sind alle Neonazis“. Sie wollten sich aufeinander stürzen, doch ihrer Mutter gelang es, sie zu trennen.
Die bisher geordnete Welt der Entenhenne geriet wegen der Zwillinge in Schieflage. Nicht nur wurde das Nest zu klein, auch die Nahrungsbeschaffung nahm ungeheure Ausmasse an, weigerten sich doch die Zwillinge, selber Nahrung zu suchen. Obwohl sie flügge waren, liessen sie sich von der Mutter füttern. Einige der am Fluss wohnenden Enteneltern spotteten, wenn die Zwillingsmutter vorbeischwamm: „Wie geht es in der Pensione Mamma?“ Die Mutter Ente fauchte: „T’occupes, saloppe“, das war etwas vulgär, sie hatte sich Französisch bei Feriengästen angeeignet, ohne es wirklich zu verstehen. Das spielte keine Rolle, denn die gutbürgerlichen bernischen Entenpaare waren nur der Entensprache mächtig. Die zugehörigen Enteriche mischten sich nie in solche „Zickenkriege“, wie sie es in ihrer toxischen Männersprache nannten, ein. Denn sie fürchteten sich schlicht vor den Schnabelhieben ihrer Gefährtinnen.
Der Sommer des Mysteriums oder der Laune der Natur verlief turbulent und feindselig im Entenreich am Fluss. Die Zwillingsbrüder störten die üblicherweise beschauliche Lebensart ihrer Älteren empfindlich. Sie trieben es auf die Spitze, als sie – von ihrer Mutter abgekupfert – französisch zu schnattern anfingen. Und des Nachts vor der Ruhestätte des Entenpolizisten laut quakten: „Les bourgeois sont comme les cochons plus ça vieillit ça devient con“ und schwammen laut pfeifend davon. Der Entenpolizist schnaubte und jagte den eineiigen Jungen nach, vergeblich.
Gegen Ende des Sommers berief der Vorstand der Entenpopulation eine dringliche Zusammenkunft. Das einzige Tranktandum auf der Tagesordnung betraf – statutenkonform – den Ausschluss der Zwillinge. Das Plenum war in zwei Parteien gespalten. Meist quasselten die Ausschlussbefürworter. Besonders die Autoritätsgläubigen fauchten: „Sie sind ein Fremdkörper. Sie stören unsere Harmonie. Sie diskriminieren uns (die meisten kannten das Verb zwar nicht, aber gerade jene schnatterten am lautesten), sie gefährden unseren guten Ruf. Sie müssen schleunigst weg“. Die Gegenseite verhielt sich zurückhaltender. Sie warfen Wörter wie „Solidarität“, „Toleranz“, „Empathie“ in das Schmähfauchen, und stiessen wiederum auf Verständnislosigkeit und auf ein verstärktes Schnabelscheinhauen.
Die endliche Abstimmung endete in einem Patt. Erschöpft beschloss der Vorstand der Entenpopulation, in besonders reichhaltigen Jagdgründen tauchen zu gehen. Die Nacht wurde kurz. Das Zwillingspaar, das gut getarnt der Besammlung beigewohnt hatte, lachte sich eine kahle Stelle ins Gefieder.
Am nächsten Morgen waren die beiden Jungen verschwunden. Man bezichtigte den Polizisten, die besonders statutenaffinen Hennen, die Nobodies, die Speichellecker.
Einige Sommer später kehrten die Zwillingsbrüder zurück. Sie waren nicht allein … .