19. August 2021 Doris Schöni 0Comment

Kindliche Prägungen sind unauslöschlich. Eine meiner Tanten lehrte mich ungewollt Grosszügigkeit. Nicht die leichtfüssige Grosszügigkeit der Reichen. Ganz im Gegenteil. Sie war arm wie eine Kirchenmaus, kämpfte als früh verwitwete Künstlergattin mit zwei Kindern ums finanzielle Überleben. Sie führte ein Antiquitätengeschäft, lebte von der Hand in den Mund, wenn wir jedoch zu Besuch kamen, tischte sie herrliche Patisserie auf, die sie bestimmt anschreiben lassen musste. Ihre Freigebigkeit beeindruckte und beeinflusste mich.

Jung und unerfahren glaubte ich fest daran, dass man knauserige Menschen mit Grosszügigkeit zur Grosszügigkeit verhelfen könne. Das glaube ich eigentlich noch immer, doch dieser Glaube hat im Laufe des Lebens arge Kratzer bekommen. Sehr oft geschah geade das Gegenteil: Je grosszügiger ich mich verhielt, desto profitsüchtiger wurde der andere.

Grosszügig ist man oder ist man nicht. Das hat mit Reichtum oder Armut nichts zu tun. Freigebigkeit ist ein Lebensgefühl und eine Lebensqualität. Wenn ich schenke, beschenke ich mich selbst. Wer knauserig mit sich selbst ist, kennt das Gefühl der Grosszügigkeit nicht. Manchmal stellt sich die Frage, ob Generosigkeit nicht einfach Macht bedeutet. Oder empfindet der Geizhals Macht, wenn er sein Gegenüber schröpft?

 

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