„Frieden“: Eine historisch-fiktionale SRF-Serie über eine missglückte Schweizer Buchenwald-Aktion – ein Spiegelbild der Schweiz nach 1945
Diese Dokumentation begleitet die fiktionale SRG-Serie «Frieden» mit historischen Fakten. Im Fokus steht eine Schweizer Hilfsaktion für Opfer des Nazi-Regimes, die sogenannte Buchenwald-Aktion. Eine gut gemeinte Hilfsaktion der Schweiz, die aber mangelhaft geplant und umgesetzt wurde.
Für Europa und die Schweizer Bevölkerung bedeutete die deutsche Kapitulation im Mai 1945 eine Erlösung – endlich Frieden. Trotzdem war die Schweizer Regierung besorgt, denn die amerikanische Regierung kritisierte den Bundesrat öffentlich für seine Politik während des Krieges. Sie warf der Schweiz vor, sie hätte noch bis zum Kriegsende Wirtschaftskontakte mit dem Nazi-Regime erlaubt und dadurch beigetragen, den Krieg zu verlängern. Nach Kriegsende versuchte deshalb die Schweizer Regierung, die Siegermächte günstig zu stimmen und bot an, 2000 Kinder aus den Konzentrationslagern zur Erholung aufzunehmen. Doch die Buchenwald-Aktion verlief nicht wie gewünscht, anstatt 2000 wurden nur 370 junge Erwachsene aufgenommen. Die Buchenwald-Aktion inspirierte die Drehbuchautorin Petra Volpe der TV-Serie «Frieden». Eine ihrer Hauptfiguren ist Klara, eine junge Frau, die in der TV-Serie junge Erwachsene betreut, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz zur Erholung kommen. Die historische Vorlage für Klara ist die Geschichte von Charlotte Weber (1912–2000), einer ausgebildeten Pädagogin und Musikerin aus Olten, die nach 1945 ein Heim des Schweizerischen Roten Kreuzes leitete. «DOK» hat in den Archiven der Cinémathèque ein kaum beachtetes Film-Interview mit Charlotte Weber gefunden. Darin erklärt sie, weshalb die Buchenwald-Aktion damals missglückte: Die traumatisierten jungen Erwachsenen seien in der Schweiz in Lagern hinter Stacheldraht eingesperrt und militärisch bewacht worden. Zudem habe es an Essen und Schulmaterial gefehlt. Das Schweizerische Rote Kreuz SRK war offensichtlich überfordert. Der aktuelle SRK-Direktor Markus Mader nimmt im SRF-Dokumentarfilm Stellung. Er erläutert, welche Schlüsse das SRK daraus gezogen habe, nimmt aber auch die Verantwortlichen von damals, zumindest teilweise, in Schutz. Herzstück des Dokumentarfilms die Lebensgeschichte von Leon Reich. Reich kam im Rahmen der Buchenwald-Aktion als Überlebender des Holocaust in die Schweiz. In einem ausführlichen Film-Interview aus dem Jahre 2005 erzählt er, wie seine Familie von den Nazis ausgelöscht wurde, wie er den Todesmarsch von Auschwitz ins KZ Buchenwald knapp überlebte und schliesslich in die Schweiz kam. Das Interview dokumentiert eine unfassbare Leidensgeschichte, die für viele andere jüdischen Schicksale steht. Leon Reich blieb der Schweiz bis zu seinem Tod im Jahr 2014 verbunden und baute in Biel ein erfolgreiches Uhrenunternehmen auf, das heute noch existiert. Der Dokumentarfilm macht den Faktencheck und stellt Ausschnitte aus der fiktionalen Serie den historischen Fakten und Erkenntnissen gegenüber: Neben Interviews von Charlotte Weber und Leon Reich, Passagen aus Filmwochenschauen und anderen historischen Quellen nehmen renommierte Schweizer Historikerinnen und Historiker Stellung und ordnen die Ereignisse ein. Entstanden ist ein dichtes und beklemmendes Abbild einer düsteren Zeit.
Die Buchenwaldkinder – eine vergessene Geschichte
Eine Gruppe von „Buchenwald-Kindern“ auf einem Ausflug. ethz.ch
Nach dem Ende des II. Weltkriegs bot die Schweiz an, junge Überlebende der Konzentrationslager aufzunehmen. Doch als die Kinder aus Buchenwald in der Schweiz ankamen, sorgten sie für eine Überraschung: Sie waren alle über 16 Jahre alt.
Dieser Inhalt wurde am 29. Oktober 2010 – 13:38 publiziert 29. Oktober 2010 – 13:38
swissinfo.chIm Sommer 1945 stiegen in Basel rund 370 jüdische Jugendliche aus dem Zug.
Die Hilfswerke, die die Kinder erwartet hatten, waren auf diese KZ-Überlebenden im Alter zwischen 16 und 22 Jahren nicht vorbereitet.
1945 lebten Millionen von Vertriebenen in den ehemals von den Nazis besetzten Gebieten.
Wie auch andere Länder hatte die Schweiz angeboten, bis zu 2000 Kinder aus dem Konzentrationslager Buchenwald für sechs Monate aufzunehmen.
Die Aufnahme der Kinder erfolgte aber nicht aus rein humanitären Gründen.
„Die Schweiz hatte nach dem Krieg ein Imageproblem“, erklärt Historikerin Madeleine Lerf gegenüber swissinfo.ch. „Sie musste ihre Neutralität rechtfertigen und war interessiert an besseren Beziehungen mit den Alliierten. Daher suchte sie eine Art der Kooperation.“
Lerf hat zu dem Thema dieses Jahr das Buch „‚Buchenwaldkinder‘, eine Schweizer Hilfsaktion“, veröffentlicht. Erstmals nahm damit eine Historikerin diese Episode genauer unter die Lupe. Das Werk basiert auf ihrer Doktorarbeit.
Feindselige Reaktion
Die Schweiz hat eine lange Tradition in der Kinderhilfe. Doch was die von der Regierung unterstützten Organisationen Schweizer Spende und Schweizerisches Rotes Kreuz nicht realisiert hatten, war die Tatsache, dass Kinder die harten Bedingungen in den Konzentrationslagern kaum überlebt hatten.
„Die Reaktion auf die jungen Menschen, die grösstenteils aus Osteuropa in die Schweiz kamen, war sehr feindselig“, erklärt Lerf.
„Die Behörden dachten ernsthaft daran, die älteren unter den Flüchtlingen wieder zurück nach Deutschland zu schicken. Doch schliesslich verzichteten sie darauf, weil sie befürchteten, es würde einen grösseren Skandal provozieren.“
Nach der Quarantäne wurde die eine Hälfte der Gruppe, deren Namen auf der offiziellen Liste figurierten, in ein Lager des Roten Kreuzes geschickt. Die andere Hälfte, von denen man vermutete, dass sie illegal im Land waren, wurden in einem Lager der Armee untergebracht, bis man wusste, was mit ihnen geschehen würde.
Armeeangehörige dieser Zeit haben in Interviews erzählt, dass die jungen Menschen sehr glücklich darüber gewesen seien, in Betten mit weissen Laken schlafen zu können.
„Doch die Texte aus jener Zeit sprechen eine andere Sprache“, so Lerf. „Einige der jungen Menschen sollen sehr beleidigt reagiert haben. Sie verstanden nicht, warum sie wieder in ein umzäuntes Lager gesteckt und von Soldaten betreut wurden.“
Die Soldaten zeigten kein grosses Interesse an dieser Aufgabe, denn sie fühlten sich der Verteidigung der Schweiz verpflichtet. Viele hatten das Gefühl, die Schweiz sei betrogen worden. Antisemitische Gefühle waren damals nicht ungewöhnlich.
Anderes Bild
„Ein weiteres Problem war, dass die Betreuer halbe Skelette erwarteten, sehr schwache Menschen. Doch als die jungen Leute ankamen, wirkten sie bereits recht gesund, weil sie von den Amerikanern während zweier Monate ernährt worden waren“, so Lerf.
„Sie passten nicht in das Bild, das man sich von ihnen gemacht hatte. Das machte es für die Leute noch schwieriger zu verstehen, warum diese Überlebenden schwach sein sollten und Hilfe brauchten.“
In den Lagern herrschte ein striktes Regime. Ein Kommandant war während der Essenszeiten für die Jugendlichen verantwortlich. Jene, die ihre Taschen mit Esswaren aus der Küche füllten, ein Reflex nach Jahren des Hungers, wurden als Diebe eingestuft.
Doch viele der zivilen Hilfspersonen, viele von ihnen Frauen, halfen ihnen, Esswaren und anderes Nützliches zu finden, wenn die Lieferungen einmal etwas seltener wurden.
Die jungen Männer und Frauen, die häufig getrennt voneinander beherbergt wurden, schafften es trotzdem, Spass zu haben, sich zu verlieben und so langsam den Weg in die Normalität zu finden. Einige machten eine höhere Ausbildung, andere erlernten einen Beruf.
Jüdisches Engagement
Einige Jugendliche aus der „illegalen“ Gruppe wurden später an jüdische Organisationen weitergegeben. Diese hatten von Anfang an um mehr Beteiligung ersucht. Während dem Krieg hatte die Schweiz Druck auf die Organisationen ausgeübt, sich um die jüdischen Flüchtlinge zu kümmern, die ins Land kamen.
Doch über das Buchenwald-Projekt wollte Bern die Kontrolle behalten. Daher arbeiteten die jüdischen Organisationen zusammen, um in dieser Angelegenheit mehr Einfluss zu erhalten.
„Das war sehr wichtig für diese Organisationen“, erklärt Lerf. „Sie wussten, dass sie während des Krieges in den Konzentrationslagern viele Leute verloren hatten und fühlten eine starke Verpflichtung, sich um die Überlebenden zu kümmern.“
Unrealistische Erwartungen
Tatsächlich prägten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Behörden und Hilfsorganisationen betreffend Verantwortung und Finanzierung die Buchenwald-Hilfsaktion von Beginn weg. Dies liess das ganze Projekt eher chaotisch erscheinen. Laut Lerf war ein Teil des Problems, dass die Schweiz das Projekt nicht wirklich durchdacht hatte.
Die Schweiz hatte die Buchenwald-Überlebenden auch nur für sechs Monate aufgenommen. Später wurde ihre Aufenhaltserlaubnis um ein halbes Jahr verlängert, weil die meisten der jungen Menschen staatenlose Juden waren, die nirgendwo hingehen konnten.
Jene, die hierbleiben wollten, erhielten keine Bewilligung. „Das mag heute seltsam klingen, waren sie doch eingeladen worden und lediglich etwa 370 Personen“, so Lerf.
„Doch die Schweiz hatte ihre Flüchtlingspolitik während des II. Weltkriegs auf der Grundlage des Transmigrations-Prinzips abgestützt. Dieses erlaubte, Flüchtlinge lediglich für eine begrenzte Zeit zu beherbergen, ohne Bleiberecht. Dieses Prinzip wurde auch noch nach dem Krieg beibehalten und damit ebenfalls auf die Buchenwald-Gruppe angewendet.“
Verschiedene Schicksale
Nach einem Jahr verliessen einige Mitglieder der Buchenwald-Gruppe, angespornt durch die jüdischen Organisationen, das Land in Richtung Palästina. Andere gingen zu Verwandten in den USA oder in Australien. Etwa 30 Personen, die teils an Tuberkulose litten oder Sponsoren hatten, konnten bleiben.
Aber nicht alle hatten so viel Glück: „Sogar jemand, der eine Schweizer Frau geheiratet hatte, wurde zur Ausreise gezwungen, weil damals die Nationalität der Frau keine Rolle spielte. Sie reisten nach Australien aus“, erzählt die Historikerin.
Laut Lerf wird der Fall der „Buchenwaldkinder“ in der Schweiz nicht oft diskutiert. Im Ausland jedoch ist das Interesse gestiegen: Am 29. Oktober wird die Historikerin im deutschen Weimar vor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald über das Thema referieren.
„In Frankreich gab es Ausstellungen und Treffen mit Betroffenen, doch nicht in der Schweiz. Hier ist es eine grösstenteils vergessene Episode“, sagt die Historikerin.