Als der alte Bauer um fünf Uhr fünfzehn erwachte, war es draussen noch stockdunkel. Er stand auf, zwängte sich in seine Kleider, ging in die eisige Küche, in der sein Atem Wölkchen bildete, mahlte Kaffeebohnen und bereitete eine grosse Tasse von dampfendem Milchkaffee. Bis es hell wurde sass er ohne Licht vor dem Milchkaffee, fast unbeweglich. Dabei brummelte er vor sich hin, es hätte eine Beschwörung, ein Gebet oder eine Standpauke sein können. Als eine blasse Sonne die Umgebung beschien, schnellte der alte Bauer auf, als wäre er von der wahrhaftigen schwarzen Spinne gestochen worden. Was er sah, erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Die Wiesen, die sein Haus umgaben, waren blutrot gefärbt. „Bhüetis“, stammelte er, sank auf seinen Stuhl und fiel in Ohmacht.
Allmählich kam er wieder zu Sinnen. Er wagte einen Blick durchs Fenster, die Wiesen trugen noch eine intensivere, rote Farbe. Er schlich nach draussen, betrat eine der Wiesen und bückte sich, um eine Grasprobe zu nehmen. Sie war glitschig, blutig und warm. Voller Abscheu schleuderte er die Probe auf die Wiese zurück Er rannte ins Haus und rief den Tierarzt an. „Röbi“, rief er, „meine Wiesen sind voller Blut“. „Haben etwa alle deine Kühe geworfen?“ fragte der Viehdoktor. „Nein“. „Soll ich kommen?“ „Ja“. Röbi kam in seinem Viermalvier angebraust und besah sich die Wiesen. Ratlos schüttelte er den Kopf. „Das ist ein ausserirdisches Phänomen“, murmelte er. „Komm, lass uns einen Schnaps trinken“. Der Bauer brachte die Bätziflasche und zwei Gläser. „Ich muss“, sagte der Veterinär bedrückt, „den Gemeindepräsidenten informieren“. „Neinnein“, widersprach der Bauer, „warte,warte noch. Vielleicht kann ich das Blut in den Boden pflügen“.
Er ging hinaus, verband den Pfug mit dem Traktor und begann zu pflügen. Aber je mehr er pflügte, umsomehr Blut quoll aus dem Boden. Traktor und Pflug sanken immer tiefer in den Boden und ins Blut. Der Bauer war blutverspritzt. Wieder im Haus schluchzte er: „Nichts zu machen“. Röbi bestimmte: „Ich rufe jetzt die Feuerwehr“. Sprach und tat es. Die Martinshörner erklangen. Drei Feuerwehrautos erschienen, eines mit Hebebühne. Sie spritzten mit ganzer Macht. Die Wiesen wurden zögerlich grüner. Wenig über dem Boden formte sich eine rote, übelriechende Wolke.
Während die Wiesen grüner wurden, erhoben sich rote Wolken über dem Land, die dicht und dichter wurden und die Sonne verdeckten. Von der Hebebühne aus versuchte die Feuerwehr, sie von oben zu verscheuchen. Jedoch ohne Wirkung. „Nehmt doch Chemie“, rief der Bauer. Der Feuerwehrkommandant schritt ein: „Unmöglich, die grüne Politik der Gemeinde verbietet den Einsatz von chemischen Mitteln“. „Aber es geht doch just um die grünen Wiesen“, entgegnete der Bauer. „So wenden Sie sich an die roten Parlamentarier“, schrie der Kommandant von der Hebebühne. „Die sind doch jetzt alle auf den Feldern“, maulte der Bauer. Doch er koppelte den Pflug vom Traktor und knatterte los. Bang bemerkte er, dass alle Wiesen in seinem Ort blutig waren. „Blutschande“, ächzte der Landwirt, „überall Blutschande“.Er dachte wütend an die vielen jungen Frauen seines Dorfes, die sich Asylbewerbern und sonstigen ausländischen Männern in die Arme warfen. Seine eigene Tochter gehörte auch zu ihnen. Er erinnerte sich an die laute Auseinandersetzung, die er mit ihr geführt hatte, als sie ihm eröffnete, einen Nigerianer zu heiraten. Sie schrie ihn an: „Meinst du ich würde mich von einem Bauerntölpel mit schmutzigen Fingernägeln betratschen lassen?“ Und nun schämte er sich zu Tode, mit seinen Halbblut-Enkeln in der Dorfbeiz aufzukreuzen. Die Blutwiesen liessen sein Blut kochen. So wurde er unachtsam und stürzte samt dem Traktor in eine Jauchegrube und versank.