6. Mai 2022 Doris Schöni 0Comment

Bei Verschwörungstheorien ging und geht es meist um Antisemitismus, da die Juden seit jeher willkommene Sündenböcke darstellen. „Das mit dem Antisemitismus ist so eine Sache. Eine fortwährende, langfristig angelegte, sich im Wandel befindende, aber eben auch eine unausrottbare Sache. Man kann als politischer, hinterfragender, bewusster Bürger einer demokratischen, meinungsfreien Gesellschaft, man muss sogar auf antisemitische Tendenzen hinweisen, gesellschaftliche Entwicklungen beobachten, kommentieren und den Antisemitismus – ebenso wie den Rassismus – zu bekämpfen versuchen. Und man darf sich, während man mit all dem beschäftigt ist, nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass es Antisemitismus, in unterschiedlicher Form oder Quantität, immer geben wird. Dass Antisemitismus unausrottbar ist“ (Lena Gorelik, „Man wird doch noch mal sagen dürfen …“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 2014).

Die Ritualmordlegende oder Blutlüge sagt gesellschaftlich diskriminierten Minderheiten Ritualmorde an Angehörigen einer Mehrheitsgruppe nach. Die Kolporteure greifen oft unaufgeklärte Entführungs-, Unglücks- oder Tötungsfälle auf, besonders von Kindern, und bieten dafür „Sündenböcke“ an. Die Legenden dienen zur Verleumdung der behaupteten Täter, verstärken und rechtfertigen ihre Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung. Historisch besonders wirksam waren Ritualmordanklagen im europäischen Christentum, die behaupteten: Die Juden bedürften des Blutes von Christenkindern für ihre Pessachfeier und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken. Dieser Vorwurf tauchte erstmals 1144 in England auf und wurde zu einem dauerhaften Stereotyp des christlichen Antijudaismus. Die Legende bewirkte oft Judenprogrome, Lynch- und Justizmorde an den Beschuldigten, ihren Angehörigen und Gemeinden. Sie wurde von lokalen, regionalen oder staatlichen Interessengruppen gezielt konstruiert und wanderte später in Volkssagen und religiöse Folklore ein. Sie verknüpfte kirchliche Beeinflussung mit Aberglauben und wirkte aufgrund kombinierter Faktoren von wirtschaftlicher Not, sozialer Unzufriedenheit und apokalyptischen Ängsten. Sie begründete die antisemitische Verschwörungstheorie eines angeblichen Weltjudentums, das sich heimlich für schwerste Verbrechen an Nichtjuden verabrede.

Antike Judenfeindschaft bezeichnet eine Judenfeindlichkeit in der Epoche der antiken Geschichte Israels (etwa 1300 v. bis 135 n. Chr.). In der Römischen Kaiserzeit führte der „Systemkonflikt“ zwischen antikem Multikulturalismus mit dem Judentum zu mehreren Kriegen, in deren Verlauf die Römer den zweiten Jerusalemer Tempel zerstörten (70) und Juden die Ansiedlung in Jerusalem verboten (135 n. Chr.). Seit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion (bis 380) wurde die Unterdrückung jüdischer Minderheiten in der Geschichte Europas zum verbreiteten Dauerzustand.

Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts nahm seinen Ausgang in den Schriften von Antisemiten in Deutschland. Die Überzeugung, wonach Menschen verschiedenen „Rassen“ angehören, war damals allgemein verbreitet. Die Antisemiten behaupteten die Existenz einer besonderen „jüdischen Rasse“ und bezeichneten diese als minderwertig. Um ihre unsinnigen Argumente zu unterstützen, griffen sie auf pseudo-wissenschaftliche Konzepte zurück. Die Bandbreite des Antisemitismus reichte von abergläubischen Ideen bis hin zu scheinbar wissenschaftlichen Forschungen, Vermessungen und Experimenten. Religiöse Mythen wurden mit ökonomischen und verschwörungstheoretischen Vorurteilen vermischt. Damit unterstellte man den Juden und Jüdinnen, selbst schuld daran zu sein, dass sie Hass auf sich ziehen. „Die Juden“ wurden für alle Probleme der Zeit verantwortlich gemacht und ihnen wurde vorgeworfen, im Geheimen das Weltgeschehen zu lenken.

Die Protokolle der Weisen von Zion sind ein antisemitisches Pamphlet. Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von unbekannten Redakteuren auf der Grundlage mehrere fiktionalerr Texte erstellt und gilt als einflussreiche Programmschrift antisemitischen Verschwörungsdenkens. Die Protokolle geben vor, die Pläne jüdischer Weltverschwörer wiederzugeben.Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Text zunehmend international verbreitet, obwohl die Protokolle bereits 1921 in der Londoner Times als nicht authentisch entlarvt worden waren. Bekannt wurden insbesondere die Ausgabe aus den 1920er Jahren von Henry Ford in den Vereinigten Staaten und die deutschen Ausgaben von Gottfried zur Beek und Theodor Fritsch. Noch heute glauben Antisemiten und Anhänger von Verschwörungstheorien in der ganzen Welt, besonders in islamischen Ländern und in Russland, an die Authentizität der Protokolle.

Für Menschen, die sich mit Verschwörungstheorien vor der Realität schützen, die Sündenböcke brauchen, um sich nicht selber in Frage zu stellen, sind diese Theorien eine Art Ersatzreligion. Verschwörungshypothesen machen rationale, überprüfbare und dadurch falsifizierbare oder verifizierbare Aussagen über angenommene Verschwörungen; Der in der breiten Öffentlichkeit benutzte Begriff Verschwörungstheorie wird zumeist im Sinne von Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmythos benutzt und somit kritisch oder abwertend verwendet.

Das Auftreten des Internets und des Rechtspopulismus haben die Verbreitung von Verschwörungstheorien sehr begünstigt. In diesem Kontext verbreiten sich Fehlinformationen und Verschwörungstheorien zu aktuellen naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen wie etwa dem Klimawandel und Impfungen schnell und unkontrolliert und können somit auch Politikpräferenzen beeinflussen.

Die Frage nach den Konjunkturen der Verschwörungstheorien, das heisst, wieso es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern mal mehr, mal weniger davon gab, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. So gelten sie etwa als ein Krisensymptom, als ein Überbleibsel mythischen, unaufgeklärten Denkens oder im Gegenteil als Begleitphänomen der Aufklärung. Psychologisch lassen sich Verschwörungstheorien als Paranoia deuten, wenngleich die Mehrzahl der Forscher den Anhängern von Verschwörungstheorien keine psychische Störung unterstellt. Häufiger sind Deutungen als Projektionen. Verschwörungstheorien dienen dem überlasteten Menschen in überfordernden Situationen zur Komplexitätsreduktion und zur Aufrechterhaltung des Glaubens an die Durchschaubarkeit der Realität und die Selbstwirksamkeit des Subjekts. Die Neigung, an Verschwörungstheorien zu glauben, scheint nach mehreren Untersuchungen ein Persönlichkeitsmerkmal zu sein: Für Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, besteht eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, auch an weitere zu glauben (zusammengestellt aus Wikipedia).

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