Ich Baum, Gattung unbestimmt, Alter ungewiss, gross, Efeu umrankt, allein auf weiter Flur, einsam und ungebunden
Es gab auch glücklich(er)e Tage. Als Hunde hier lebten, von denen die Männchen oder Rüden mich jeden Tag mehrmals aufsuchten. Plötzlich blieben die Haushunde fern und lediglich Besuchshunde betraten das Haus. Oft lag die Villa unter mir unbewohnt, der Mann und die Frau, die in diesem Haus lebten, flogen aus, flogen weit, flogen vor sich davon. In den Stunden zuvor wurde ich durch laute Stimmen und Türenzuschlagen aus meinem Schlummer gerissen. Damit wusste ich, dass die nächsten Wochen einsam werden würden.
Von meinen Wipfeln überschaue ich jedoch die ganze Strasse. Dort gab es Leben. Hunde, Katzen, Kinder, Menschen und ein Eichhörnchen, das mich erkletterte. Im Haus nebenan verfolgte eine schwarze Katze einem schwarz-weissen Hund, der jaulend weghetzte. Es gab noch eine weitere schwarze Katze und zwei getigerte. Im Mittelpunkt stand aber der schwarz-weisse Hund, dem das eigene Bellen sehr gut gefiel. Viel viel später erlebte ich im Halbschlaf auch seinen Tod, der Schrei der Frau riss mich aus dem Dösen, nie zuvor hatte ich einen solchen Schrei gehört.
Im übernächsten Haus wechselten sich Hunde mit Hunden und Katzen ab. Der zunächst grosse Hund wurde dauernd gerufen, er war ein Ausreisser und ein Casanova, der den Hündinnen nachlief, kopflos und kilometerweit. Sein Nachfolger war eine Nachfolgerin, sie war aggressiv und unberechenbar. Sie ruinierte etlichen Postboten die Uniformhose, griff beim Spaziergang Hunde an und biss sie blutig. Bei zunehmendem Alter jedoch wurde sie milde und liebesbedürftig. Mit fast 15 Jahren starb sie im heimischen Garten wohl friedlich. Sie fehlt mir. Ihr Bellen ebenfalls.
Ich sehe auch über die Strasse und beobachte die Gärten gegenüber. Ich freue mich über den kleinen, schwarz-weissen Terrier, der Kreise läuft, immer fröhlich und clownhaft umherrennt und kläfft. Er ist ein Schönling und scheint sich dessen bewusst zu sein. Er passt glänzend zu seiner Besitzerin, die nicht nur schön, sondern auch elegant ist. Zwar nicht mehr die Jüngste, ist sie aber die jüngste von drei Schwestern, die mit finanziellem Überfluss ins Leben geschupft wurden.
Weiter weg ist ein Hund neu ins Leben eines Ehepaars gekommen, das, vor allem die Frau, amateurhaft versucht, dem Hund Benimmregeln zu vermitteln. Sie erziehen ihn mit dem Gegenteil dessen, was ein Hund braucht, um problemlos durch die Fussangeln der Zivilisation zu kommen. Ähnlich der heutigen Mütter bewahrt sie ihn vor allen Gefahren und Stolpersteinen, er gedeiht zum ängstlich heulenden Elend. Er wird sich kaum eines entspannten Daseins erfreuen.
Wenn ich in der Nacht kurz aufwache, bemerke ich Füchse, Marder, Igel, die nach Futter suchen, sich aber nie in die Quere kommen. Noch immer wachse ich, obwohl ich bald der höchste Baum der Gegend bin. Der starke Wind beutelt mich und ich fürchte, bei noch heftigeren Stürmen zu fallen ähnlich einem Soldaten, dessen Tod euphemistisch als Fall bezeichnet wird. Würde ich fallen, wäre die Villa des vor sich fliehenden Paars zerstört, zumindest ziemlich beschädigt.