Vor 60 Jahren fand in Jerusalem der Eichmann-Prozess statt. Adolf Eichmannwar während der Nazizeit als SS-Obersturmbannführerund Leiter des Referats für Judenangelegenheiten im Reichssicherheitshauptamt Cheforganisator des Genozids. Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete Adolf Eichmann nach Argentinien, wurde 1960 in einer tollkühnen Aktion von Mossad-Agenten nach Israel entführt und dort vor Gericht gestellt. Der Angeklagte behauptete, „nicht schuldig“ zu sein und fügte bei: „Ich habe nur Befehle ausgeführt“. Ankläger Gabriel Bach „wollte beweisen, dass Eichmann nicht nur Befehlsempfänger war, sondern dass er sich mit der Tötung der Juden identifizierte. Er wollte wirklich das ganze jüdische Volk umbringen …“.
Viele Prozessbebachter, so auch Hannah Arendt, die den Prozess in ihrem Buch „Die Banalität des Bösen“, das 1963 veröffentlicht wurde, nachzeichnete, beschrieben Adolf Eichmann als „unglaublich unbedeutender Mensch … Der Mann war eine Null, ein Nichts“. Wenn man heute, 60 Jahre später, Adolf Eichmann in seinem kugelsicheren Glaskasten im Gericht charakterisieren sollte, so entstände das Bild eines durchschnittlichen, grauen, mit schütterem Haar ausgestatteten, mit stets geneigtem Kopf und verkniffenen Lippen sich präsentierenden Mannes. Wer ein Monster erwartet hatte, wurde enttäuscht. Vor Gericht stand ein Mann, der aussah und sprach wie jeder beliebige Mann. Ein Buchhalter-Typ, beflissen und korrek ohne jedes Charisma.
Dass die Nazi-Schergen völlig „normale“ Menschen, liebevolle Ehemänner und Väter waren, ist beklemmend. Diese Menschen erschossen im Konzentrationslagern kurz vor Arbeitsschluss einige Juden und kehrten nach Hause, herzten Frau und Kinder, teilten, vielleicht mit einem vorausgehenden Gebet, das Abendessen mit ihren Familien. Wenn das Böse derart banal ist, so kann es sich jederzeit wiederholen. Das Gute und Böse sind auswechselbar, es kommt auf die Umstände an, in denen man sich befindet. Heute würde man über die Reden und Gesten der Nazi-Grössen spotten, sie kämen nicht mehr an. Würde sich aber ein bekannter Rockstar als politischer Führer anbieten, wären ihm Jubel und und frenetische Gefolgschaft sicher.