Autor und Regisseur Falko Korth zeichnet in einer TV-Dokumention die Kontinuität der völkisch-nationalistischer Denktraditionen in Deutschland und Frankreich nach und zeigt, dass die heutigen „neuen“ Rec hten nicht aus dem Nichts entstanden sind.
Woher kommen die Ideen der sogenannten „Neuen Rechten“? Auf wen berufen sie sich? Was sind ihre Thesen? Woher kommen sie? Was denken sie? Wohin wollen sie?
Wichtiger Bezugspunkt sins die Schriften Armin Mohlers (1920-2003). Mit seiner Sicht auf die Geschichte der Weimarer Republik und seiner Kritik der Vergangenheitsbewältigung lieferte der Schweizer Publizist der erstarkenden deutschen Neuen Rechten entscheidende Schlagworte. Die Texte Armin Mohlers stehen am Anfang des Versuchs der extremen Rechten in Deutschland, dadurch wieder Fuss zu fassen, indem sie wie die Linke seit 1968 Kulturkampf betrieb. Sein Begriff der «Konservativen Revolution» war äusserst dienlich um dem Schulterschluss bürgerlicher Kräfte mit der äusseren Rechten einen legitimen Anstrich zu geben.
Dabei konnte Mohler gerade als Schweizer über Jahre als Unbelasteter gelten, als demokratischer Brückenbauer, der einen anderen Blick auf die BRD warf. Begraben wurde der Schweizer Politphilosoph aber in Deutschland. Seinen Nachruf hielt Götz Kubitschek, Verleger und Spiritus Rector der äusseren Rechten in Deutschland, der ein später Freund und Schüler Mohlers war.
Wie wurde Mohler zum Vordenker der deutschen Rechten? Mohler selbst, am 12. April 1920 in Basel geboren, legt in seinen Memoiren den Anfang in die Rekrutenschule: Der Drill der Schweizer Armee hätte ihn 1940 endlich von seinem «linksliberalen Thrönchen» geholt.
Und je wütender der Krieg in Europa tobte, desto stärker wuchs der Wunsch in ihm, nicht nur über den Rhein hinweg zuzusehen, sondern mitzutun – der junge Mohler fühlte sich «monumental unterernährt». Im Februar 1942 überquerte er im Nebel die Grenze zum Elsass um sich freiwillig bei der Waffen-SS zu melden. An die Front gelangte er allerdings nie – warum genau, ist ungeklärt. In den Jahrzehnten nach dem Krieg erzählte er, er sei angeekelt gewesen davon, dass man ihn als Spitzel anwerben wollte. Mit der Radikalität des Alters meinte er, gerade die Bewunderung dieser paneuropäischen Brigade der Freiwilligen-SS habe ihn für den Faschismus begeistert.
Konservative Revolution
1950 publizierte er «Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932″. Unter dem Oberbegriff, der das Buch so erfolgreich machen sollte, versammelte er die Exponenten eines soldatischen, antiliberalen, antidemokratischen Denkens, die die Weimarer Republik bekämpften – und sprach sie von jeder Schuld frei, als Wegbereiter für den Nationalsozialismus gewirkt zu haben: «Der deutsche Konservativismus ist ein Opfer des Faschismus.»
Jeder, der, so klagte Mohler im Vorwort, «nicht in die Emigration oder ins Konzentrationslager» gegangen sei, sei später einfach verdammt worden. Dabei seien diese Leute von den Nazis durchaus auch unter Verdacht gestanden, Linientreue vermissen zu lassen. Mohler wollte das rechte Denken der 1920er Jahre klar unterscheiden von jenem des Nationalsozialismus – eine Trennung die aus jeder heutigen historischen Sicht so nicht haltbar ist.
Sein Doktorvater, Karl Jaspers, akzeptierte die Arbeit, meinte aber: «Ihre Arbeit ist eine grossangelegte Entnazifizierung dieser Autoren, die besticht und heute in Deutschland mit Begierde gelesen werden wird.» Er sollte Recht erhalten. Die Trennung, die Mohler vollzogen hatte, ermöglichte es Rechtsextremen, sich eine neue Ursprungserzählung zu geben, in der die Vernichtung von mehreren Millionen Juden zur Nebensache wurde. Günther Maschke, früher linker Aktivist, heute ein extremer Rechter, meinte: «Sein Werk über die ‚Konservative Revolution‘ ist unsere große Landkarte, er hat darin die Grundlinien zur Orientierung gezeichnet.»
Nach seiner Dissertation schrieb Mohler als Journalist für Zeitungen in der Schweiz und in Deutschland, arbeitete als Sekretär für den Schriftsteller Ernst Jünger, wurde zum Frankreich-Experten. Ab 1961 leitete er die konservative Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München – die Stelle hat er auf Empfehlung von Franz Riedweg erhalten, der Schweizer, der die Schweizer SS leitete. 1967 erhielt Mohler den Konrad-Adenauer-Preis, der an rechte Intellektuelle vergeben wird. Die Laudatio der Preisverleihung 1967 hob seinen «schweizerischen Bürgersinn» hervor.
Doch mit dem Preis rückte Mohler ins Rampenlicht und es bekam ihm nicht: Sein Ausflug über die Grenze in den 1940er Jahren wird öffentlich gemacht, ebenfalls, dass er unter Pseudonym auch für die nationalistische Presse schrieb. Mohler verliert auf Grund der «Hexenjagd», wie er es nannte, einen Ruf an die Universität in Innsbruck. Mohler wird nun noch entschiedener zum Netzwerker der Neuen Rechten jenseits des Parteienspektrums.
Kämpfer gegen die Vergangenheitsbewältigung
Neben der Reinwaschung der «Konservativen Revolution», war seine Polemik gegen die deutsche Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten sein grosses Vermächtnis.
Bereits in seinem Buch «Was die Deutschen fürchten», das 1967 zu einem Bestseller wurde, griff er zu brachialen Formulierungen, um Historiker für ihre angeblich voreingenommene Sicht zu kritisieren: „Sie türmten die Kadaver der Juden, die nicht für sie gestorben waren, als Wall um sich auf, um Feldvorteil zu haben“ 1968 legte er mit einem Essay über die «Vergangenheitsbewältigung» mit dem Untertitel «Oder wie man den Krieg nochmals verliert» nach: Darin übte er primär Kritik daran, dass die gemässigte wie aber auch die äussere Rechte immer wieder als «Lieferanten eines künftigen Auschwitz» beschimpft würden.
1979, als die amerikanische Fernsehserie «Holocaust» zu einer intensiven, populären Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus führt, verspottete er die Vergangenheitsbewältigung als «süsse Droge» und verächtlichen «Bewältigungsrummel».
In den 1990er Jahren wird er die Vergangenheitspolitik Deutschlands als «Nasenring» bezeichnen: Auf dem Cover des Buchs mit dem selben Titel, das in einem offen rechtsradikalen Verlag erscheint, ist ein Büffel zu sehen, der an einem Hakenkreuz, das ihm durch die Nase gezogen wurde, herumgezerrt wird. Zur selben Zeit lässt er alle pragmatischen Hüllen fallen und outet sich in der Schweizer «Wochenzeitung» als Faschist – natürlich nicht ohne in feiner Abgrenzung zu betonen, er sei dies nicht im Sinne von Hitler oder Mussolinis, sondern in jenem des Uneingeschworenen eher unbekannten José Antonio Primo de Rivera y Sáenz de Heredia.
Trotz oder gerade wegen solcher gelehrten Feinsinnigkeiten ermöglichte Mohler es jungen Rechten erstens in der Tradition ihrer geistigen Väter zu wühlen, und so zu tun, als sei auf die juristischen Gedankenspiele der Antidemokraten und die völkische Soldatenverehrungs-Literatur der 1920er Jahre kein blutiges Nachspiel gefolgt.
Zweitens stand Mohler am Anfang einer Strategie, die seit den 1990er Jahren zum festen Inventar der neuen extremen Rechten geworden, jede Kritik an Rechtsextremismus als «Nazi-Keule» zurück zu weisen. Armin Mohlers Ideen beeinflussten auch die französische „Nouvelle Droite“ um Alain de Benoist. Er gründete 1968 mit Gleichgesinnten GRECE, eine neofaschistische Denkfabrik. Die „Neuen Rechten“ geben sich modern und intellektu.ell. Doch hinter der Fassade stecken altbekannte antidemokratische, rassistische Denkmuster.
Es scheint eine Tatsache zu sein, dass bei politischen Unsicherheiten und Umschwüngen sich Volksmassen aus Angst vor Veränderung rechten politischen Gruppierungen zuwenden.
Antisemitismus in der Schweiz
David Eugsters Schrift „Antisemitismus in der Schweiz“ von 2022 moniert: „In Krisen neigen viele Menschen zu antisemitischen Erklärungsmustern – seit Jahrhunderten. Auch die Schweiz hat damit eine längere Geschichte, zwischen dem Au.Die „Neuen RFec hten“ gewben sich moden und intellekuell. Doch hi.nter der Fafflammen antisemitischer Stereotype und Aufarbeitung.
2021 publizierte der SIG und die Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus einen Bericht zu Antisemitismus und stellte darin fest, dass auch in aktuellen Krisen das Bedürfnis nach Sündenböcken antisemitisch befriedigt wird: „Wie bereits früher, werden dann sehr schnell auch Juden und Jüdinnen als Schuldige identifiziert.“
Auch in der Schweiz zeigen sich antisemitische Stereotype regelmässig. Laut einer Umfrage des Bundesamtes für Statistik von 2020 neigen 39% der Bevölkerung zu antisemitischen Stereotypen – diese Menschen halten Jüd:innen für machthungrig, geldgierig und für politisch radikal. Aufflackern in der Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen
Bei der Aufarbeitung der Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges wurde klar, dass der Umgang mit Jüd:innen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert von fremdenpolizeilichen Strategien geprägt war, die das Land vor „jüdischer Überfremdung“ bewahren sollte.
Aber die Schweiz war gespalten: in einer Befragung der SRG von 1997 fanden 53% die an die Schweiz gestellten Forderungen durchaus legitim. 47% fanden jedoch, man solle sie zurückweisen.
Ursprünge des Antisemitismus
Seine Ursprünge hat der Judenhass im Mittelalter: Damals entwickelte sich in Europa ein religiös und wirtschaftlich motivierter Antijudaismus, dessen Bilder bis heute kursieren. Jüd:innen wurden als Krankheitsträger und Kindermörder verfemt und verfolgt – und als Wucherer. Im 15. Jahrhundert wurden sie aus den meisten Städten der Eidgenossenschaft ausgewiesen, wie auch im restlichen Europa. Das christliche Europa schuf den Judenhass im Mittelalter Dieser Inhalt wurde am 15. Juli 2022 publiziertWenn es um Jüd:innen geht, kennen Hassfantasien kaum Grenzen. Entstanden sind viele Gräuelmärchen im europäischen Mittelalter.
Die Anerkennung von Juden als Schweizer Männer mit gleichen Rechten stiess noch im 19. Jahrhundert auf einigen Widerstand. Gegner:innen verunglimpften sie als Erben Judas‘, der Christus verraten hatte. Bis 1866 wurden sie rechtlich wie Fremde behandelt – im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kam ihre Emanzipation in der Schweiz reichlich spät.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Judenhass von einem religiös motivierten Hass hin zu einer Erklärformel für Probleme der Moderne: Jüd:innen wurden für die unwillkommenen Veränderungen verantwortlich gemacht – die mittelalterliche Vorstellung vom raffgierigen Juden passte sich dem Fortschritt an. „Antiparasitischer“ Aufruhr: Judenfeindliche Angriffe auf Schweizer Warenhäuser Dieser Inhalt wurde am 18. Juli 2022 publiziert In den 1930er-Jahren eskalierte die antisemitische Hetze gegen Warenhäuser in jüdischem Besitz – und der Bundesrat verbot den Ausbau von Kaufhäuser.
Antisemitismus kennt keine politische Richtung und keine Klassenzugehörigkeit. Auch linke Kritik an Israel überschreitet bisweilen die Grenze zur antisemitischen Dämonisierung. Erik Petry, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel, sagt es so: „Oft kommt eine toxische Mischung zusammen, die eben nicht auf einer Kritik an der Politik des Staates beruht, sondern auf der Annahme, dass es hier ein unmoralisches Verhalten gibt, das mit dem Jüdischsein zu tun hat.“