In der vierhundert Seelen zählenden Gemeinde Oberhünigen langweilen sich die beiden 13-jährigen Sandro und Amir. Der Sommer kündigt sich heiss an. Die Bauern sorgen sich jetzt schon um ihre Ernten.
In dieser Gemeinde herrscht der Brauch, dass sich jedermann grüsst. Die meisten Bürgerinnen und Bürger duzen sich ohnehin. Sandro findet sowohl das Grüssen wie auch das Duzen oberdoof. Mit einem Pokergesicht keuzt er die Dorfbewohner und nimmt ihnen den Gruss nicht ab.
Sandro und Amir besuchen die Schule in Oberhünigen, die sich ziemlich weit über dem Dorf befindet. Es . ist vor allem für die jüngeren Schülerinnen und Schüler eine rechte Strapaze, zweimal am Tag den beträchtlichen Höhenunterschied zu meistern. An einem Juniabend langweilen sich die beiden 13-Jährigen noch mehr als sonst. Das Dorf, wie alle Dörfer dieser Gegend, ist abends um 20 Uhr wie entvölkert. Die Menschen sitzen vor dem Fernseher oder liegen im Bett. Sie müssen morgens früh an die Arbeit; ohnehin gibt es im Ort keine Beiz Komm, wir knacken ein Auto. Amir: Spinnst du, Alter? Komm doch, vielleicht finden wir in einem Auto Geld oder Zigaretten oder Klamotten. Oder einen Gokldbarren, feixt Ami, der an dieser Idee zunehmend Gefallen findet. Im Dorf kennt uns doch jeder. Lass uns auf den Schulhof fahren, dort stehen heute Autos, da eine Gemeindeversammlung stattfindet. Die sitzen im Erdgeschoss und können uns sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Die schauen nicht, sie sind beschäftigt, schliesst Sandro die Diskussion und die beiden radeln zur Schule hoch. An einer Wand des Schulhofs prangen völlig naturalistisch von Schülerinnen und Schülern gemalte farbige Kühe. In der Nähe des Schuleingangs stehen einige Autos aller Marken und Farben. Von ihnen entfernt parkiert ein unscheinbares Gefährt. Dieses nehmen Sandro und Amir ins Visier. Das Auto ist nicht zugeriegelt und vollgestopft mit allerlei Gegenständen. Wow man, flüstert Sandro und öffnet die Autotüre. Ein Eisschaber , drei CDs und ein angebissenes Sandwich purzeln ihnen entgegen. Die vorderen Sitze sind überstellt mit Papieren und CDs. Sandro: die schnappen wir uns. Kennst du die Songs? Nein, das scheint Französisch zu sein, interpretiert Amir das Italienische. Stimmen erklingen. Die Halbwüchsigen stopfen soviele CDs wie möglich unter ihre Shirts und machen sich aus dem Staub.
Sandro, gelangweilt Zuhause, erinnert sich an die CDs und lässt eine abspielen. Er kennt weder Band, noch Rockstar und auch die Songs nicht. Die Musik, die er nun zum ersten Mal hört, hat eine verzaubernde Wirkung auf ihn. Eine seltsame Harmonie überkommt ihn. Sie unterscheidet sich völlig vom Staccato der Rockmusik, die er bisher verehrt hat. Bilder ziehen vor seinem inneren Auge vorbei, liebliche Landschaften, Wasserfälle, tosende Flüsse, farbige Marktszenen, klirrende Waffengänge, blutrote Sonnenaufgänge mit rhythmischem Pferdegetrampel und eine lange ausklingender Wehmut.
Sandro schnappt sich die CD-Hülle und liest. Antonio Lucio Vivaldi und Venedig, dann unbekannte Begriffe wie der rote Priester, Barock, Sonaten, Concerti, Opern, aber endlich wieder verständliches hör in die neuesten Tracks rein und sei immer topinformiert! und streamen. Sandro legt die zweite CD auf, die ihn noch mehr berührt. Er reisst sich los, schwingt sich auf sein Velo und arbeitet sich den Hang hoch. Das Glück ist ihm gewogen, das alte Auto steht an seinem Platz. Eine Frau steht danaben, und als er näher kommt, bemerkt Sandro, dass es sich um eine ältere Frau handelt, keine vom Dorf, also eine Fremde. Er grüsst freundlich und bleibt stehen. Er stammelt: Wir haben Ihre CDs gestohlen. Die Frau: Ja und. Gefallen sie Ihnen? Sie siezt ihn. Megageil, stottert er. Ein megageiler Vivaldi? Hörten Sie ihn zum ersten Mal?
Sandro nickt und hält ihr die CDs hin. Bitte entschuldigen Sie den Diebstahl. Ach was, antwortet sie. Ich schenke sie Ihnen. Megageil murmelt sie, zündet sich eine Zigarette an und steigt ein. Warten, warten Sie. Sandros puterrotes Gesicht ähnelt der untergehenden Sonne. Danke, danke, danke, ruft er dem sich entfernenden Auto nach. Und: wie heissen Sie?
Ein Märchen ist ja kein Märchen ohne Moral. Und die Moral von der Geschicht? Der Sandro grüsst wieder … . … .