26. August 2021 Doris Schöni 1Comment

Nachdem ich die Sage von Rübezahl verschlungen hatte, wollte ich nur noch Rübezahl sein. Die Vorbilder in meiner Kindheit waren nie niedlich und gut, gehorsam und fleissig; ich eiferte Helden wie Parzival, Bösewichten wie Al Capone, Lausbuben wie Tom Sawyer und eben dem guten und bösen Riesen Rübezahl nach.

Der Sage nach ist Rübezahl ein launischer Riese oder Berggeist. Schon der erste Sammler von Rübezahl-Sagen, Johannes Praetorius, beschrieb Rübezahl als charakterlich sehr ambivalenten „Widerspruchsgeist“, der in einem Moment gerecht und hilfsbereit, im nächsten arglistig und launenhaft auftreten könne. Er charakterisierte ihn folgendermassen:

„Denn Freund Rübezahl sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft, roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmüthig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zu zeiten guthmüthig, edel, und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch; albern und weise, oft weich und hart in zween Augenblicken, wie ein Ey, das in siedend Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam; nach der Stimmung, wie ihn Humor und innrer Drang beym ersten Anblick jedes Ding ergreifen läßt.“

Der Berggeist erscheint den Menschen in verschiedener Gestalt. Insbesondere zeigt er sich als Mönch in aschgrauer Kutte, aber auch als Bergmann, Junker, Handwerker und in ähnlicher Gestalt und Verkleidung, aber auch in Tiergestalt oder als Gegenstand (Baumstumpf, Stein, Wolke). Rübezahl ist der Wetterherr des Riesengebirges und ähnelt so dem Wilden Jäger. Unerwartet sendet er Blitz und Donner, Nebel, Regen und Schnee vom Berg nieder, während eben noch alles im Sonnenglanz lag. Gegen gute Menschen ist er im Allgemeinen freundlich, lehrt sie Heilmittel und beschenkt insbesondere Arme; wenn man ihn aber verspottet, rächt er sich schwer, etwa durch Unwetter. Bisweilen werden Wanderer von ihm in die Irre geleitet. Er soll einen Garten mit Wunderkräutern besitzen, den er gegen Eindringlinge verteidigt. Sich bescheiden ausnehmende Geschenke des Berggeistes wie Äpfel oder Laub können durch seine Macht zu Gold werden, wie er umgekehrt gelegentlich von ihm bezahltes Geld in eine wertlose Währung verwandelt.

Meine Mutter verzweifelte, weil ich nur noch graue Kutten tragen wollte. Mit absichtlich zerzausten Haaren und in den Schuhen meines Vaters ging ich zur Schule. Die Lehrer schauten mich noch scheeler an als sonst, die Mitschüler krakeelten und griffen sich an die Stirne, es entstanden Tumulte und adhoc-Vorführungen, die den Schulbetrieb empfindlich störten. Der Rektor griff ein und bestellte meine Mutter in sein Büro (mein Vater hatte keine Zeit für solche Schulbesuche). Der Schulleiter befahl ihr, mich zur Räson zu bringen, meine Mutter jammerte, das gelinge ihr nicht. Der Rektor schlug die Faust auf den Konferenztisch und  brüllte: „Man muss einfach ihren Willen brechen“.

Ich verstecke Rübezahl in meinem Innern und verhielt mich ruhig, aber widerborstig. So flog ich von der Schule und die ganze Geschichte mit Rübezahl begann erneut. Sie dauert noch immer … .

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One thought on “Der Rübezahl war ich

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