23. Mai 2022 Doris Schöni 0Comment

Die lateinische Sentenz homo homini lupus stammt aus der Komödie Asinaria (Eseleien) des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.). Jean-Paul Sartre (1905-1980) paraphrasierte Plautus‘ Satz durch „L’enfer, c’est les autres“ (Huis clos).

Warum ertragen sich Menschen nicht, warum bekämpfen sie sich, warum töten sie sich? Die Blutrünstigkeit der Menschen gab es in der Antike sowie im 21. Jahrhundert. In vielen Krisenregionen der Erde geschehen schreckliche Gräuel. Was treibt Menschen dazu, ihre Mitmenschen zu quälen oder zu töten – und warum empfinden sie oft sogar Lust dabei? Psychologen der Universität Konstanz gingen dieser Frage in Feldstudien im Kongo nach. Ein junger Kämpfer berichtete: „Ich habe andere richtig gequält. Nachts sind wir losgezogen, um Dörfer zu überfallen. Alle, die wir trafen, haben wir kaltgemacht. Wenn uns eine Frau über den Weg lief, haben wir sie vergewaltigt. Männer haben wir geschlagen … Nach einem Kampf töteten wir alle – außer hübschen Frauen. Die nahmen wir mit. Wenn sie sich gewehrt haben, mussten sie bestraft werden … Kämpfen ist alles im Leben eines Mannes. Wenn ich das Feuern von Gewehren höre, wünsche ich mir nichts anderes, als zu kämpfen. Dieser Durst sitzt tief in mir.“

Im Bann der Kampfeslust

  1. In kriegerischen Extremsituationen kommt es zu „appetitiven Aggressionen“, bei denen Gewaltexzesse als lustvoll erlebt werden.
  2. Eine evolutionäre Ursache für dieses scheinbar pathologische Verhalten liegt im angeborenen Jagdinstinkt des Menschen.
  3. Traumatisierende Kriegserlebnisse verändern die Psyche von Soldaten und fördern die Gewaltbereitschaft nachhaltig.

Wie verändern sich Menschen angesichts einer Umwelt, die von Grausamkeit geprägt ist? Furcht zu spüren ist mit Stress verbunden; jeder versucht daher, diesen Zustand zu vermeiden. Doch Angst gehört zu den lebensnotwendigen Reaktionen. Akute Gefahr versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Die Sinne werden geschärft, um schnell möglichst viele Informationen über die nahende Bedrohung zu sammeln, die Durchblutung der Muskeln steigt, und der Körper setzt Botenstoffe frei, welche die Schmerzwahrnehmung unterdrücken. Der Mensch ist bereit, die Flucht zu ergreifen – oder zu kämpfen. Durch sein wehrhaftes, womöglich aggressives Verhalten wird die Bedrohung vermutlich nachlassen und mit ihr die belastende Anspannung.

Man kann diese Art der Verteidigung als „erleichternde Aggression“ bezeichnen, die jeder von klein auf kennt. Auch wenn sie moralisch umstritten ist und mitunter bestraft wird, gilt sie doch als gerechtfertigte Notwehr. Es gibt aber noch eine „böse“, scheinbar pathologische Form der Gewalt: die „appetitive Aggression“. Sie muss sich nicht durch Angst und Bedrohung rechtfertigen, sondern entsteht durch Lust. Schon die Planung wirkt interessant und aufregend. Das Erschreckende daran: Jeder ist dazu fähig. Je deutlicher junge Männer merken, dass Gewalt ihnen zu einem Überlegenheitsgefühl und zu Lustgewinn in einer Umwelt mit nur wenigen Glücksmomenten verhilft und je mehr sie diese Aggression ausüben, desto eher suchen sie diesen erregenden Zustand.

Gewalt zählt seit jeher zum Verhaltensrepertoire der Menschheit – genauso wie das Versorgen von Kranken und Verletzten. Woher kommt diese von unserer Ethik so negierte Lust an der Aggression? Und warum kommt sie stets nur den „anderen“ zu, den Sadisten, Psychopathen oder „Wilden“? Als die Urahnen der Hominiden vor einigen Millionen Jahren ihre vornehmlich vegetarische Lebensweise aufgaben, bildete sich das menschliche Jagdverhalten heraus. Fleisch als reichhaltige Energiequelle gewährt einen Überlebensvorteil. Der erfolgreiche Jäger kann mehr Nachkommen ernähren, ist als Sexualpartner attraktiver und verfügt über weitere Ressourcen – nicht zuletzt ein grösseres Gehirn.

Gewaltlosigkeit oder Gewaltfreiheit ist ein Prinzip, das Gewalt ablehnt und zu überwinden sucht. Terminologisch wird zwischen gewaltlos (situativer Gewaltverzicht) und gewaltfrei (prinzipieller Gewaltverzicht) unterschieden. Gewaltlosigkeit ist seit der griechischen Antike Thema im Humanismus insbesondere im weltlichen Humanismus. Die griechische Polis verstand sich ausdrücklich als eine Gesellschaftsverfassung, die nicht auf Gewalt basierte. Sie hatte den Anspruch, dass der Mensch mündig sei zur Selbstregierung, Selbstbestimmung und Autonomie – zu beachten ist, dass dies nur für Bürger der Polis und beispielsweise nicht für Sklaven galt. Daran ausgerichtet war das politische Handeln eine ständige Bildungsaufgabe. Gewaltlosigkeit im weltlichen Humanismus beruft sich u. a. auch auf Menschenrchte und Menschenwürde und die Ziel-Mittel-Korrelation. Gewaltlosigkeit oder Gewaltfreiheit bedeutet, dass man Gewalt in jeder Form ablehnt und nicht dazu nutzt, Konflikte oder Probleme zu lösen. Dabei kann es lange dauern, für Konflikte eine gemeinsame, gewaltfreie Lösung zu finden, die für alle Beteiligten gut ist. Man muss besonders mutig und ausdauernd sein.

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen; Gewaltlosigkeit die des Starken“ (Mahatma Gandhi). Während sich die ukrainische Regierung für den Widerstandskrieg entschieden hat und ihr ein grosser Teil der Bevölkerung darin folgt, gibt es nach wie vor auch gewaltfreien Widerstand. Man denke an die Bilder, wie sich unbewaffnete Zivilisten unter Lebensgefahr russischen Panzern entgegenstellen, wie Strassenschilder verrückt werden, wie in besetzten Gebieten Proteste stattfinden. Darüber hinaus gibt es, auch angesichts der unglaublichen Brutalität der russischen Truppen, weniger offene Formen des Widerstands, der Sabotage usw.

Der Mensch ist der Wolf des Menschen: angeboren oder erworben?

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