30. Januar 2021 Doris Schöni 0Comment

Der Bestatter entschuldigt sich. Er habe uns einfach vergessen. „Sie wissen schon, wir Bestatter sind völlig überlastet“ und nickt vielsagend. „Einer mit Krebs, Jahrgang 66, zwei mit covid-19, über 70, einen Herzinfarkt, Jahrgang 85, einen Suizid, weiblich, Jahrgang 2001 und noch einige mehr“. Wir nicken betroffen. Er bietet für das lange Warten Kaffee an. Sie stimmt zu, ich nicht. Doch dann stimme auch ich zu. Im Besucherraum füllt die ganze Breite der Kopfwand die Foto einer Waldidylle, mit Bächlein und Felsbrocken. Urnen jeder Grösse und Farbe präsentieren sich in einer Vitrine; ganz kleine Urnen sind auch darunter, für wen sie wohl gedacht sind? An einer anderen Wand hängt das Diplom des Bestatters, in einem entsetzlichen Deutsch verfasst. Komplizierter und beamtenmässiger könnte das eingerahmte Dokument kaum sein. Ich jedenfalls würde eine solch geschriebene Missgeburt höchstens rot korrigiert aufhängen.

Der Bestatter kehrt mit zwei Kaffees zurück und setzt sich zu uns an den Tisch. Ein sehr dunkel gekleideter Mann bringt die Urne, unkenntlich gemacht durch eine Kartonschachtel, die jenen Kartonschachteln ähnelt, welche die österlichen Schokoladeeier schützt. Er stellt sie ab. Sie muss einige Formulare unterschreiben und setzt sich dann wieder. „Meine Schwägerin möchte in den Brienzersee gestreut werden“.

„Ja,“ sagt der Bestatter, „viele wünschen sich eine See-Bestattung.“ Ich frage: „Ist das nicht eine See-Verschmutzung?“ Der Bestatter entrüstet: „Die menschlichen Überreste sind abbaubar.“

Gehe ich getröstet von dannen?

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