25. Dezember 2021 Doris Schöni 0Comment

Während langer Zeit besuchten sich Esel und Hunde regelmässig und waren freundschaftlich verbunden. Dann drifteten die beiden Institutionen auseinander. Die Hundegemeinschaft investierte reichlich Zeit und Geld in die körperliche und intellektuelle Förderung ihrer Tiere, die Eselverantwortlichen sahen keine Notwendigkeit, die Esel geistig  zu unterstützen.

Der Paradigmenunterschied zwischen der Gemeinschaft der Hunde und jener der Esel führte zu einer Entfremdung von Hunden und Eseln. Sie besuchten sich nicht mehr. Die Eselbetreuer verfolgten das Ziel, die Grautiere wieder in den Urzustand zurückzuversetzen, sie unterzogen sich der neuen Welle von „zurück zur Natur“. Die Hundeverantwortlichen strebten gerade das Gegenteil an: Den Hunden wurd gelehrt, sich  der modernen, westlichen Zivilisation anzupassen.

Eines Abends tauchte die Hundefreundin des Esels in dessen Stall auf. Der Esel iahte freudig, leckte der Border Collie-Freundin die Ohren und begann plötzlich zu bellen. Die Hündin legte verdutzt ihren Kopf schräg und heulte: „Seit wann sprichst du hündisch?“ Das Langohr blies seine Nüstern auf und antwortete: „Ich habe dich derart vermisst, dass ich begann, mich deines Bellens zu erinnern. Dein Bellen wiederholte ich hundertmal, sprach es nach, übte es also sehr intensiv, bis ich auch seinen Sinn verstanden habe. Das ist alles“. Die Hündin freute sich sehr und versprach, ihre Betreuer zu überzeugen, die gegenseitigen Besuche für das Wohl beider Tierarten wieder aufzunehmen. „Ich werden dasselbe tun“, gelobte der Esel.

Hündin und Esel scheiterten. Mehr noch: Hündin und Esel wurden von ihren jeweiligen Betreuern des Verrats, der Meuterei und des sogenannten Netzbeschmutzertums bezichtigt und von ihrer Meute, das heisst, seiner Herde isoliert.  Beide fielen in eine schwere Depression, sie hungerten, verliessen ihren Schlafplatz nur wenn nötig und heulten ununterbrochen. Die Verantwortlichen beider Tiere sorgten sich, waren beunruhigt und bangten um das Leben von Hündin und Esel. Aus diesem Grund kommunizierten sie wieder zusammen und suchten gemeinsam nach einer Lösung. Lieblingsfressen hinstellen: vergeblich. Lieblingsmenschen zu ihnen schicken: ergebnislos. Mit einem Deckrüden oder einer Stute zusammenbringen: kein Interesse. Hündin und Esel nahmen rapide ab und wurden sehr schwach. Als die Institutionen wieder Kontakt aufnahmen, sagten sie wie aus einem Mund: „wir müssen die beiden zusammenführen“.

Die Hündin musste in den Stall getragen werden. Als sie ihen Esel gewahrte, begann ihr Schwanz zu wedeln und sie heulte jämmerlich. Der Esel blähte seine Nüstern auf, stand wackelig vom Stroh auf und iahte und iahte und bellte schwach. Nachdem sie sich begrüsst hatten, sanken sie zu Boden, eng aneinander gekuschelt. Später frassen sie gierig aus ihrem Fressnapf beziehungsweise aus seiner Futterkrippe. Als Hündin und Langohr eingeschlafen waren, besammelten sich die beiden menschlichen Kontrahenten. Man einigte sich darauf, trotz der divergierenden Auffassungen – die man beiseitig  zu tolerieren habe – die gegenseitigen Besuche wieder zu aktivieren. Die Freundschaft zwischen Hündin und Esel sei aussergewöhnlich und führe zu neuen Erkenntnissen in der Tierwissenschaft.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so bellen Hündin und Esel sie noch heute im Duett.

 

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