15. Februar 2017 Doris Schöni 0Comment

Es beginnt schleichend. Fleckchen auf Händen und im Gesicht. Fältchen um die Augen und Lippen. Auf Fotos ähnelt man immer mehr der eigenen Grossmutter. Die Haut wird dünner. Die Bizeps werden schwammig. Die Adern treten schamlos hervor. Die Haare verlieren ihre Pracht. Entweder wird man spindeldürr oder unangenehm fett. Die Gesichtszüge erschlaffen. Die Männer werden weiblicher und die Frauen männlicher. Bauch und Magen vereinigen sich zu einer Wampe. An den Beinen entsteht ein rotes Äderchen-System. Die Fussnägel färben sich gelb. Das Kinn verdoppelt sich, straff oder schlaff. Die Blase senkt sich und man benötigt Altersbinden.

Es gäbe hunderte von Abhilfen: Botox, Lifting, Fett absaugen, Eigenfett spritzen, Verjüngung mittels Kuren, Salben und Tinkturen, Yoga und Altersturnen. Die wirksamen Methoden sind nur den Reichen vorbehalten, die Krankenkassen bezahlen keinen Rappen an die Zurückgewinnung des Selbstwertgefühls. Also bleibt die Resignation und der Trost, dass dieser Prozess kaum einen verschont.

Zudem stellen sich Bobochen ein. Es harzt in den Gelenken. Arthrosen vergällen den Alltag. Den grauen Star kann man beheben, die Unbiegsamkeit des Halses nicht. Viele ertragen Kaffee nach 16 Uhr nicht mehr. Man liegt schlaflos im Bett und  auch das Schäfchenzählen führt zu nichts. Dann bekommt man senile Bettflucht und leidet unter Schlafmangel. Das Gedächtnis lässt nach. Besonders das Namengedächtnis. Man murmelt „Guten Tag Frau oder Herr blblbl“ und erinnert sich nach zehn Minuten an den entsprechenden Namen. Das Gehör nimmt ab. Man fühlt sich ausgeschlossen. Die Hörhilfen werden zwar immer raffinierten, aber die Nebengeräusche bleiben dominant. Haare spriessen aus Nasenlöchern und Ohren. Man ist nicht mehr sicher auf den Beinen. Trippelt mit kleinen Schritten.

Bildergebnis für bilder alte menschen hände

Man wird misstrauisch und egozentrisch. Man ist derart mit seinen eigenen Defiziten beschäftigt, dass die Umwelt unwichtig wird. Man wehrt sich wie ein Berseker gegen die moderne Technik. Alte Erinnerungen tauchen aus der Versenkung auf und werden vergoldet. Altersgeiz stellt sich ein. Man wird zänkisch, da man alles besser weiss. Einsamkeit hüllt einen ein. Man lehnt Hilfe von aussen ab. Man möchte schreien vor Verzweiflung, wimmert aber nur.

Schliesslich bleibt nur noch das Heim oder die Altersresidenz, falls genügend Geld vorhanden ist. Das Zimmer ist klein und die Dusche befindet sich im Keller. Man isst, wenn man muss, nicht wenn man Hunger hat. Rauchen ist strikt verboten, nur im Freien gestattet. So friert man im Winter und schwitzt im Sommer. Das Heim oder die Residenz meint es gut mit den Bewohnern: Es werden Gymnastik, Singen, Lisme und Andacht angeboten. Als könnten sich die Altachtundsechziger,  die vor dem Altern ebenfalls nicht gefeit sind,  damit anfreunden. Manchmal liest eine gute Seele Dialektgeschichten vor oder tritt ein Jodlerchörli auf. Heime und Residenzen verharren auf den Bedürfnissen der  Alten aus den fünfziger Jahren. Aus lauter Überdruss und Langeweile erzählt man überall von seinen sportlichen Erfolgen von Anno dazumal. Dass man für die Weltmeisterschaft vorselektioniert war, dann aber ein parteiischer Trainer die defintive Selektion vereitelt hatte. Vor Stolz und Selbstmitleid kullern die Tränen. Die anderen Bewohner wenden sich ab und murmeln: Nicht schon wieder.

Verbittert und verhutzelt tritt man ab. In der Todesanzeige, sofern es eine gibt, steht: Nach einem erfüllten Leben … .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert