31. Januar 2022 Doris Schöni 0Comment

Raphael Berthele und Isabelle Udry vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg veröffentlichten ein Buch über die Fremdsprachenfähigkeit der Primarschüler in den Kantonen Freiburg und Zürich sowie auch über die Frage, ob Französisch überhaupt eine Chance gegen Englisch habe. Offensichtlich nicht, ist doch die Studie auf Englisch verfasst (Individual Differences in Early Instructet Language Learning …., 2021). Seltsam.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2006 wurde in der Schweiz die Harmonisierung der Ziele für den Fremdsprachenunterricht in der Verfassung verankert. Das geltende Modell 3/5 besagt, dass die Schulkinder in der 3. Klasse die erste und in der 5. Klasse die zweite Fremdspache lernen. Eine davon muss eine Landessprache sein. Die Autoren stellten fest, dass Englisch als Fremdsprache klar beliebter ist als Französisch, und zwar in beiden Kantonen. „Das mag auch damit zu tun haben, dass Englisch als globale Sprache schon für Primarschüler in der Schweiz eine überragende Bedeutung hat – nicht zuletzt beim Surfen im Internet oder beim Gamen“. Hansjakob Schneider von der Pädagogischen Hochschule Zürich, der an der Studie beteiligt war, schreibt: „Wer aus einem gebildeten und wohlsituierten Elternhaus stammt, zeigt in der Schule tendenziell gute Deutschleistungen. Beim Englisch hingegen spielt die soziale Schicht keine direkte Rolle“.

Aus dem Artikel von Patrick Imhasly wird nicht ersichtlich, ob sich die Autoren mit dem sukzessiven Verschwinden des Französischen in der Deutschen Schweiz befasst haben. Sie übernehmen einfach die Aussagen der Primarschüler, und zwar ohne sie zu hinterfragen. Vor sechzig Jahren – in der heutigen Zeit eine Ewigkeit – war klar Französisch in Mode. Man las Sartre, de Beauvoir, Camus, hörte Chansons von Jacques Brel, Charles Aznavour, Georges Brassens, trug Kleider von Courrège, hielt sich vorwiegend in Quartier Latin in Paris auf, verbrachte die Sommerferien an der Côte, schrieb von Hand französische Liebesbriefe und studierte an der Sorbonne. Diese Zeilen, um die Wankelmütigkeit der Mode zu dokumentieren. Das Französische erlangte im 17. Jahrhundert als Sprache der Diplomatie, des Postwesens und des europäischen Adels seine Bedeutung als führende Weltsprache. Englisch gilt seit dem 19. Jahrhundert als die Weltsprache schlechthin. Nach 1945 war die Vormachtstellung der USA der Hauptgrund für die weitere Verbreitung des Englischen als Weltsprache. Bevor Englisch zur Weltsprache wurde, war Französisch die am meisten gesprochene Sprache. Das liegt daran, dass Frankreich auch viele Kolonien hatte. Ausserdem wurde Englisch nicht offiziell als Weltsprache anerkannt, es hat sich einfach so ergeben.

Bis zur Abdankung der bernischen Regierung am 5. März 1798 sprach man in Bern Deutsch und Französisch, war frankophil, den Blick auf Frankreich ausgerichtet. Die Damenkleider bestellte man mittels Puppen in Paris. Noch ein Beweis für die Wendehalsigkeit der Mode.

Der Wechsel von Französisch auf Englisch sich hat aber, jedenfalls in der Schweiz, nicht nur durch Handel, Banken und Computerisierung ergeben. Die Gesellschaft hat sich verändert. Die früher übertriebene Respekt vor Politikern, Professoren, Ärzten, Fürsprechern, Militärs, Lehrern und Pfarrern wurde relativiert und schlug sogar in Verachtung um. Das Französisch, die Sprache der Denker und Dichter, geriet in Misskredit. Als Sprache der „Mehrbesseren“. Und schwer zu lernen. Irrtümlicherweise dachten die Leute, Englisch sei einfacher. Mit dem Resultat, dass Personen ohne englische Examen lausig Englisch sprechen, geschweige denn schreiben.

Wie weit die Lehrer am Verschwinden des Französischen beteiligt sind, ist ungewiss. Es ist aber anzunehmen, dass sie die Vorliebe für Englisch der Schüler übernahmen. Man müsste sie über die Gründe des Wechsels von Französisch zu Englisch als Weltsprache orientieren.

Es ist anzunehmen, dass Französisch eines Tages wieder obliegen wird. Es ist übrigens einfacher, Englisch zu lernen, wenn man Französisch beherrscht.

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