Der Schweizer ist ein ungeselliges Wesen. In Tram, Bus, Eisenbahn und Restaurant steuert er auf einen leeren Platz zu und verschanzt sich hinter dem BLICK. Wird er gefragt, ob noch ein Platz neben ihm frei sei, brummt er ungnädig und würgt ein unwirsches Ja heraus.
Und nun nach 827 Jahren (stimmt nicht ganz, eigentlich 802 Jahren) wird er in der Stadt Bern aufgefordert, hinter seinen sieben Bergen hervorzukriechen und den „öffentlichen Raum“ zu beleben. In den Quartieren werden Begegnungszonen geschaffen, in der Innenstadt Bänke aufgestellt und, wer weiss, bald auch die A1 zu Brätliplätzen umfunktioniert. Wissen Sie was dort geschehen wird? Jede Familie, jeder Freundeskreis und jede Trinkgemeinschaft wird morgens um 7 Uhr einen Platz einzäunen und belegen, eine Feuerstelle aufbauen und ein Schild anbringen: „Privat“ oder „Brifatt“. Bis 9 Uhr 45 wird der ganze Autobahnabschnitt in kleine private Räume eingeteilt sein und wehe, wer sich anmasst, die Grenzen zu überschreiten. Familien mit Kind und Kegel, Hunden und Schildkröten (auch sie sollen von der Freiheit naschen) lagern bzw. belagern ihre Fläche, die Veganen erlaben sich an Sojamilch, die Vegetarier knabbern an ihrem grillierten Fallobst, die Fleischfresser sind erkennbar durch das tsch-tsch, die Grillitarier haben ihre Migrosfiliale geplündert und das Bier vernebelt den Geist. Bumbum-Musik dröhnt ins Lager der Hudigägeler-Fans, aus tragbaren TVs brüllt ein Speaker „Goooal“ oder röhren die Boliden wie brünstige Stiere. Ähnliche Szenen spielen sich in den Begegnungsstätten in den Quartieren und auf den Bänken in der Innenstadt ab. Die Hauptsache: Man bleibt unter sich.
Dass Begegnungszonen ein beträchtliches Konfliktpotenzial aufweisen, liegt auf der Hand. Man stelle sich vor, die Antitabak-Liga „plegere“ in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Meerschaumpfeifen-Stopfer, die FKK-Fans mit der eben konstituierten Keuschheitspartei, ds Ursi (mit Velo-bei-Fuss) mit Ulrich Giezendammer (aus seinem Radio dröhnt permanenter Motorenlärm), die Genuss-Kiffer (ständig qualmend) mit der Gruppe Eltern ohne Drogen (ständig wedelnd), die lachenden Nigerianer mit der Schweizer Filiale der „Alternative für Deutschland“, YB-Jünger (unermüdlich „Häbet nech am Bänkli“ grölend) mit dem FCZ-Fanklub (bewaffnet mit Knallkörpern) und erst junge fröhliche Leute mit frustrierten Oldies. Das kann ja nicht gut gehen.
Merke: Der Schweizer (falls es ihn explizit überhaupt gibt – glücklicherweise ist er genetisch vielfältig) ist traditionell ungesellig, oder nur gesellig, wenn er sich unter seinesgleichen befindet. Für Begegnungszonen und Bänkli ist der Schweizer noch nicht geboren. Vielleicht in 802 Jahren … .