26. Mai 2022 Doris Schöni 0Comment

Warum muss man sich rechtfertigen, wenn man lauthals verkündet, sich überhaupt nicht für die Beatles zu interessieren, da man lediglich die Barockmusik, , vornehmlich Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, etc. liebe? Geht es dabei darum, sich von der Masse abzuheben, nicht im Mainstream zu schwimmen, anders sein zu wollen?

Besucht man ein klassisches Konzert und ein Punk Rock Konzert, begegnet man zwei Welten. Auf der einen Seite hat man ein steifes und auf der anderen ein wild jubelndes Publikum. Darum entscheiden sich junge Leute meist für die energiereiche, gute Stimmung. Ausserdem stört viele Jugendliche die angespannte Atmosphäre eines Klassik-Konzerts. Während in klassischen Konzerten jeder seinen festen Sitzplatz hat, kann man sich in Pop- und Rock-Konzerten frei bewegen und seine Emotionen ausleben.

In der Pop-Musik werden meistens einfache Harmonien sowie ein einfaches Schema verwendet, damit die Musik bei der Masse schneller ins Ohr geht. Die Klassik hingegen ist deutlich anspruchsvoller gestaltet: Es gibt viele Wechsel der Dynamik, des Charakters der Musik, und auch der Klang des Orchesters sagt nicht jedermann zu. Ausserdem fehlt vielen Jugendlichen bei der klassischen Musik der Realitätsbezug. Viele junge Menschen fühlen sich zu Rap hingezogen, der den Alltag eher widerspiegelt als klassische Musik. Popmusik schafft Identifikation, und Identifikation spielt für die Jugend eine grosse Rolle.an meint oft, die Länge sei nicht entscheidend – Doch! Während Poplieder kurz und knackig gestaltet sind, kann einem eine längere klassische Komposition schon einmal auf die Nerven gehen. Dadurch fehlt oft die Abwechslung, die bei einem Konzert so wichtig ist.

Ein Jugendlicher kennt vor allem Komponisten wie Mozart, Beethoven und Bach. Doch der Fakt, dass die wichtigsten Protagonisten des Genres bereits tot sind, sagt einiges über die folgenden Musikergenerationen aus. Manch ein Jugendlicher würde sogar behaupten, dass die Klassik bereits „ausgestorben“ ist. Die heutige klassische Musik ist durch vergleichsweise alte Musiker und Komponisten geprägt. In angesagten Genres wie Pop und Rap kommen immer neue, junge Musiker nach, die die Massen mitreißen. Im Gegensatz dazu stagniert in der Klassik die Entwicklung der jungen Musiker seit Jahren.

Der Mensch bewegt sich wie ein Fisch im Strom. Wenn viele Jugendliche weiterhin keine Klassik hören, wird es auch so bleiben. Die Klassik benötigt einen regelrechten „Hype“, um bei den jungen Leuten (wieder) relevant zu werden.

Klassische Musik zu hören, aktiv zu hören, ist eigentl eine Fachdisziplin für sich. Selbst als erfahrener Hörer muss man sich gut konzentrieren und trotzdem kriegt man nicht alles mit. Die Popmusik verlangt so genaues hören gar nicht, da gibts nämlich salopp gesagt nicht viel zu hören.
Die musikalischen Texturen verändern sich kaum, es gibt kein kontrapunktisches Material, keine Gegenthemen oder andere Satzstrukturen, die das Geschehen aufrauen. Überhaupt sind Entwicklungsprozesse außerordentlich selten. In der klassischen Musik werden sämtliche Paramter z.b. Dynamik, Melodik, Tempo, Artikulation, formale Anlage, Besetzung, usw usw sehr differenziert gehandhabt und ihr ganzes Ausdruckspotenzial ausgeschöpft. Das macht für mich die große Wirkung der klassischen Musik aus, und wer das nicht wahrnimmt (weil er keine Übung darin hat), findet die Musik natürlich langweilig und unverständlich.

Jugendliche, die aus „bildungsfernen Schichten“ stammen: Nicht nur, dass es ihnen an vielen kognitiven und sozialen Kompetenzen fehlt, (fast) alle besitzen auch nicht die Fähigkeit, Musik hören zu können. D.h. sie sind tatsächlich nicht in der Lage, verschiedene Töne auseinanderzuhalten, wenn sie nah beieinander liegen, geschweige denn mehr als 4 verschiedene Töne als zusammenhängend zu erkennen. Das Hören Klassischer Musik ist tatsächlich eine grosse kognitive Fähigkeit… Wir können davon ausgehen, dass diese Fähigkeit immer mehr verkümmert.

Die „klassische Musik“ ist im Verhältnis zu der heute populären Musik nicht einfach genug. Populär bedeutet letztlich „für das [einfache] Volk“ – und dafür ist die Klassik nicht bestimmt – auch nie gewesen. Wenn Leopold Mozart seinen Sohn anflehte: „Du musst populairer schreiben!“, dann meinte er –> einfacher. Um den Gedanken des Elitären etwas zu verdrängen: Die Beschäftigung mit der Musik, das Nachsinnen [nicht -singen] ist nicht Ziel der Pop-Musik. Pop-Musik ist sehr viel aggressiver, nicht unbedingt rein musikalisch, aber inhaltich. Was in der Klassik noch genial versteckt wurde [und längt nicht jeder kapiert hat], wird heute herausgeschrien, damit es auch der letzte aus der Bildungslücke kapiert. (vgl. MEHR MUSIK! Kulturhaus abraxas, Augsburg, Nov. 2019.)

P.S. Es stimmt nicht, dass in klassischen Kozerten ein „steifes“ Publikum sitzt, das keine Emotionen äussert. Oft gibt es stehende Ovationen mit lauten Rufen, Beifallsstürmen und (leider) selbst mit Pfiffen. Die klassische Musik war sehr wohl Unterhaltung, man erinnere sich der Volksoper zur Zeit Mozarts, in der das Publikum – schon damals – stand und sich frei bewegte.


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