Wie im 18. Jahrhundert vor Chr, drohte im 22. Jahrhundert nach Chr. eine Flut, die Erde zu vernichten. Ein riesiges Schiff wurde gebaut, doch auch es konnte die gesamte Menschheit nicht ins 23. Jahrhundert überführen.
Also erfanden die hellsten Köpfe der Menschheit Aufnahmekriterien, die sozusagen den Streu vom Weizen trennte. Das Wissen der Menschen, auch der hellsten Köpfe, hatte sich wenig weiter entwickelt, man verharrte noch immer im Eurozentrismus. Ein gestrenges Komitee wurde gebildet, das über Aufnahme oder Ablehnung, im Schiff die Flut zu überleben, befand. Das Urteil der Komiteemitglieder war unumstösslich.
Als erster Bittsteller meldete sich ein Franzose – aufs Gendern wurde bei den Befragungen verzichtet – Frage: Was versteht man unter einer Tarte Tatin? Einen umgestürzten Apfelkuchen. Ja, rein.
Eine lange Schlange hat sich nun gebildet. Einer nach dem anderen kam an die Reihe. Frage an den Nigerianer: Wo wohnte die bekannte Künstlerin Susanne Wenger? Keine Ahnung. In Oshogbo. Weg.
Der Italiener bekam die Frage: Wann wurde Julius Cesar ermodet? Im Jahr 44. vor oder nach Chr.? Nach. Halb-Falsch. Sie haben noch eine Chance. Stellen Sie sich bitte hinten an.
Ein Schweizer drängte sich vor. Frage: Wie lautet der Vorname des Freiheitshelden Tell? Adolf. Nein. Raus.
Der nächste in der Schlange war ein Tahitianer. Wie hiess der berühmte französischer Maler in Tahiti? Paul Gaugin. Richtig. Steigen Sie ein.
Ein Deutscher mit trübem Blick wurde gefragt: Wie hiess der umstrittene Vertrag als Folge des Ersten Weltkriegs? Der Westfälische Friedensvertrag. Nein. Der Versailler Vertrag. Leben Sie wohl.
Eine grosse, blonde Schwedin stand vor dem Examinator: Wie hiess die weltberühmte schwedische Umweltschützerin? Greta. Greta wie? Ehm. Greta Schütz. Falsch. Greta Thunberg. Der Nächste. Adieu.
Hallo Österreich. Wer war der berühmteste österreichische Komponist? Richard Wagner. Nnein. Wolfgang Amadeus Mozart. Zusatzfrage: Welche Rolle spielte ein anderer Komponist beim Requiem von Mozart? Der Österreicher schaute verzweifelt gegen Himmel und schwieg. Antonio Salieri. Ja, flüsterte der Gefragte und ergänzte: 1750-1825. Halb-Gut. Kommen Sie.
Ein riesengrosser Holländer nahm Platz. Wie hiess der 1947 geborene niederländische Spitzenfussballer? Wie aus der Pistole geschossen: Johan Cruyff. Richtig.
Ein weisser Amerikaner mit Nickelbrille. Frage: Welcher amerikanische Schriftsteller schrieb „Die Früchte des Zorns“? Mark Twain. Nein. John Steinbeck. See you.
Ein Israeli mit Zapfenlocken und Kippa näherte sich. Kommen Sie. Kommen Sie doch bitte. Wie heisst der höchste Berg Israels? Meron. Wie hoch? 1208 Meter über Meer. Bravo, Platzieren Sie sich bitte zuoberst.
Syrien bewarb sich mit einer Frau. Welche Frau war Herrscherin von Palmyra? Zenobia, glaube ich. Glauben oder wissen Sie? Ich glaube und weiss es. Affirmativ. Wie bitte, fragte die unverschleierte Dame. O.K. Gut. Richtig. Korrekt. Affirmativ. Rücken Sie vor.
Auch Spanien schickte eine Frau ins Rennen um einen Platz in der Arche Noah. Nennen Sie bitte eine der bekanntesten spanischen Hotelketten? Paradores. Ja. Ja. Ja.
Ein Türke war der nächste. Verstehen Sie Deutsch? Ist das meine Frage? Quatsch. Entschuldigen Sie. Wann wurde Atatürk geboren? So um Ende des 19. Jahrhunderts. Wann? 1870. Falsch: 1881. Hasta la vista.
Kuba kam mit zwei Bewerbern. Examinator: Nur eine Person. Die Kubaner: Wir beanspruchen zwei Plätze auf dem Boot. Sie bekommen sogar mehr als zwei, wenn die Antwort auf meine Frage stimmt. Also: Die Schweizer Botschafter wohnen im Haus eines berühmten Architekten. Welchem? Keine Ahnung. In solchen Kreisen verkehre ich nicht. Andere Frage, per favor. Keine andere Frage. Das Haus, übrigens, ist ein Werk des Schweizer Architekten Le Corbusier. Aha. So ist es.
Es vergingen Wochen, bis alle Länder befragt werden konnten. Das letzte Land war San Marino. Sein Vertreter musste beantworten: Wieviele Länder gibt es in der Welt? Der san-marinesische Staatsbürger zögerte, runzelte die Stirn und nannte die richtige Zahl: 195. Er wurde in die Arche gehievt und weinte vor Glück.
Etwa die Hälfte der Menschheit war erfolgreich. Die andere Hälfte kraxelte die Wände des Mount Everest hinauf, blieb im Schnee stecken und verendete in Gletscherspalten, in denen sie vom ewigen Eis für immer konserviert blieben. Die Arche Noah kenterte kurz nach der Wasserung und versank im Ozean. Die Menschen schrien und riefen nach Gott, vergeblich.