29. Oktober 2023 Doris Schöni 0Comment

Mein Hausarzt – er ist im Begriff, in Pension zu gehen, findet aber keinen Nachfolger – ist ein extremer Angsthase. Er will mir meinen Fahrausweis aberkennen, weil ich nach seiner Meinung zu viele physische Defizite habe (haben soll). Als Diabetikerin könnte ich – das passierte noch nie – eine Unterzuckerung bekommen. Diese wäre einfach durch die Messung des Blutzuckers vor jeder Autofahrt zu kontrollieren.

Nun schickt er mich in eine Memory-Klinik, um eine allfällige Demenz abzuklären. Voir nicht allzu langer Zeit habe ich den UPD-Leiter interviewt, der mich davon überzeugt hat, dass Demenz abgewendet oder aufgeschoben werden kann, und zwar durch den alternden Menschen selbst, der sich erfolgreich dagegen wehrt, durch vielseitige Interessen eine Art Zombie zu werden. Nach Experten, zu denen mein Hausarzt nicht zählt, hat es jeder alternde Mensch in der Hand, eine Demenz abzuwenden, das heisst, aufzuschieben oder zu verhindern, und zwar durch vielseitige Interessen und Aktivitäten. Für ihn ist die Altersdemenz eine logische Entwicklung, die nicht aufgehalten werden kann. Deshalb lehnt er es ab, alte Menschen zu fordern und dabei zu fördern.

Ich wehre mich vehement gegen diese Auffassung. Für mich ist das Alter nicht einfach Schicksal, dem sich der alternde Mensch beugt, sondern eine Aufforderung, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und selbstbestimmt, furchtlos und mit möglichst wenigen Einschränkungen älter zu werden. Die Pflegenden in Alterseinrichtungen vermitteln Angst und Schrecken, zum Beispiel vor Stürzen, dabei wäre es sinnvoll, älteren Menschen Stürze zu lehren, ihnen zu vermitteln, auf welche Art Stürze problemlos überstanden werden können.

Je mehr Angst vor Stürzen vermittelt wird, desto ängstlicher und verkrampfter reagiert der alte Mensch, wobei die Verletzungsgefahr zunimmt. Viele alte Menschen nehmen sich sehr ernst und  dramatisieren ihren physischen Zustand.  Sie versuchen, ihre Hunde jung und gesund zu erhalten und fürchten, sie zu verlieren, während sie zum Weiterleben verdammt sind. Seinen Hund zu verlieren, ist ebenso schrecklich, wenn nicht schrecklicher, als einen geliebten Menschen zu verlieren. Darauf wird der alte Mensch nicht vorbereitet. In Alterseinrichtungen fürchtert man sich vor Stürzen, nicht aber vor dem Verlust seines Vierbeiners. Ist es nicht sonderbar, dass physische Unbillen ernster genommen werden als seelische Qualen? 

Für den Hausarzt ist eine Unterzuckerung dramatischer als die Entnahme des Führerscheins. Er empfiehlt Taxis. Die sind zwar in diesem Land horrend teuer, entsprechen aber dem Gesetz. Dem Gesetz für Angsthasen … .

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