Sie erzählt mir von ihren Träumen, träumt am Tag und in der Nacht. In diesem Traum, von dem sie immer besessener wurde, war sie ein Papagei, der Papagei Coco.
Mouche, der eigentlich Scaramouche hiess alias Müller, Müller Hans, hatte Coco von einer alten Tante geerbt. Aus sentimentalen Gründen konnte er das Erbe nicht ausschlagen, obwohl seine Ehegattin wegen dieses Erbes – „welch vergiftetes Erbe“, beklagte sie sich bitterlich, beinahe die Scheidung eingereicht hätte. Nachdem ihr Mouche aber hoch und heilig versprochen hatte, unter dem Käfig von Coco staubzusaugen, überlegte sie sich die Scheidung noch einmal, oder einmal mehr. Sie war eine grosse, unübersehbare Frau mit roten Haaren.
Coco war entzückt über sein neues Zuhause. Anders als zuvor verdrehten ihm die mannigfaltigen Geräusche im und um das Haus die Sinne. Es gelang ihm jedoch, sie zu filtern und nach seinem Alphabet einzuordnen. Mit der Zeit war er imstande, die aufgenommenen und katalogisierten Stimmen und Geräusche wiederzugeben. Sommer war es, heiss war es auch, so dass alle Fenster in der Siedlung offen standen. Cocos Probleme begannen gerade dann.
Sommer, Fussball-Weltmeisterrschaft, Fussball über alles und allem, die Welt hätte abstürzen können, die Männer mit den prominenten Bäuchen hätten auch beim Untergang den Schweizer Söldern zugejubelt, selbst bei einem Unentschieden gegen Andorra oder einem Eigengoal. Wie gesagt, die Fenster waren weit geöffnet und alle Familienväter sassen vor dem Bildschirm, soffen Bier und warfen sich Brezel ein. Sie schnaubten wie Pferde oder eher Nilpferde, wischten den zurückgewichenen Haara nsatz mit dem tadellos gebügelten Taschentuch und schrieen den sich abmühenden Schweizer Eingebürgerten Ratschläge zu. Sie wussten genau, wie sie selber dribbeln würden, der Naticoach, man hatte es ja immer gesagt, war derart blöd trotz Millionengage. Dann passierte es.
Ein Goal wurde gepfiffen, aber nicht vom Schiedsrichter. Doch ein Goal fiel. In der Bierunseligkeit fühlten sich die Familienväter um das Toooor, das übrigens von den Gegnern getreten wurde, betrogen – die Spannung war dahin. Als nach wenigen Minuten wieder ein Goal gepfiffen wurde, aber wieder nicht vom Schiedsrichter, rasteten alle Männer der Siedlung aus. Sie strömten über den allen gehörenden (gepflegten) Rasen und lamentierten: „Wer hat gepfiffern, wer hat gepfiffen“, sie skandierten „geee-pfiff-nnnn“. Die Säuglinge begannen zu brüllen. Vor Mouches Haus hielten sie an: „Du hast gepfiffen“. Sie buhten und zeigten ihm ihre Fäuste“. „Ich kann doch gar nicht pfeifen“, schrie Mouche, „ich habe doch eine Hasenscharte“. Das überzeugte auch den beduselsten der Fussball-Fans. Plötzlich krächzte es: „Ich war es. Ich habe gepfiffen. Ich war schneller als der Schiri“. Nun richtete sich der Zorn der Siedlungsmänner auf Coco.
„Du, dummes Federvieh“, kommentierten die aufgebrachten Männer das Geständnis, „wir drehen dir den Hals um, wie kommst du dazu, den Fussballgott z,u spielen“? Coco begann zu zittern, verbarikadierte sich in seinem Käfig und schrie „Mouche, Mouche, Scaramouche, hilf mir“. Mit dem Degen in der Hand stellte sich dieser vor den Käfig. „Wenn einer von euch“, knurrte er und vollzog einen Scheinangriff mit dem Degen, „meinem Coco zu nahe kommt, spiesse ich ihn auf meinen Degen“. Die Riege der Männer, etwas unsicher auf den Beinen, wich zurück. „Gehen wir“, meinte einer. Sie zogen ab. Mäuschenstill. Mouche wandte sich an den Vogel: „Du darfst deine Überlegenheit in diesem Land nicht zeigen. Das ist verpönt. Besonders einer Respektperson wie einem Fussball-Schiedsrichter gegenüber“. Coco hörte nicht auf zu zittern.
Sie zittert. „Was zitterst du“? „Ich wurde doch von einer Meute bedroht“, rechtfertigt sie sich.
Sie erzählte noch viele Träume, in denen sie als Coco lebte. Dann waren die Coco-Träume ausgeträumt. Sie verschwieg mir den Grund. Eines Nachts, viel später, träumte mir, Coco sei zertreten worden. Von Mouches grosser, unübersehbaren Frau mit den roten Haaren … .
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