15. Dezember 2021 Doris Schöni 0Comment

Der Teddybär war alt, abgenutzt, auf einem Auge blind, ein Ohr ausgefranst und an seinem Rücken klaffte eine tiefe Wunde. Er erwachte aus seinem Winterschlaf, schaute an sich herunter und erschrak. Dann brummte er: „Ich muss mich restaurieren.“, schlief aber noch einige Runden und erhob sich erst, als die laue Sonne in seine Höhle schien. Der Bär war eigentlich eine Bärin, die aber immer wieder an ihrer Geschlechtszugehörigkeit zweifelte.

Mit dem neuen Frühling fühlte sie sich ganz und gar weiblich. Als sie Geräusche aus der Nebenhöhle vernahm, schüttelte sie sich und begab sich nebenan. Ihre Freundinnen umhalsten sie und gegenseitig wünschten sie sich Glück, Wohlbefinden, gesunden Nachwuchs und reichlich fette Fische aus dem kalten Fluss.

Dass die Teddybärinnen Teddybärinnen waren, verdrängten sie, es war ihnen peinlich, einfach Spielzeuge zu sein, überall von Kindern mitgeschleift, von Generation zu Generation weitergegeben zu werden. Deshalb spielten sie, echte Bärinnen zu sein. „Ich sollte mich unbedingt revidieren lassen“, klagte die Bärin ihren Freundinnen. „Ich muss mich waschen, operieren, nähen, stopfen lassen“, jammerte sie und fragte: „Kennt jemand von euch eine Institution, welche solche Services übernimmt?“ Eine brummte: „Geh zum Puppendoktor“. Die Bärin, wütend, schnaubte: „Bin ich eine Puppe?“ Eine andere: „Dann eben zum Polsterer“. Die Bärin, empört: „Bin ich ein Polster?“ Die Bärinnen redeten und flüsterten wild durcheinander. Die jüngste und kleinste Bärin rief plötzlich: Es gibt doch diesen genialen Hund, pardon Hündin, sie und ihre Menschin machen dich wieder heil“. Ent- und geschlossen wanderten die Bärinnen zum Haus der genialen Hündin. Angelockt vom Schnauben und Schnalzen der Bärengruppe, wartete die Hündin am Gartentor, flüchtete jedoch angesichts des Bären-Pulks ins Haus. Mit der Zeit wagte sie sich nach draussen, und fragte mit einem gewissen Abstand in bärischer Sprache: „Kann ich Ihnen helfen?“ Erstaunt über die Mehrsprachigkeit der Hündin stammelte die havarierte Bärin: „Können Sie mich restaurieren?“Die Hündin umrundete sie mehrmals, leckte ihr Gesicht, roch an ihrem siechen Rücken, dachte nach und sprach: „Ich würde die Hilfe meiner Menschin brauchen“. „Und wie lange würde die Prozedur dauern?“ Die Border Collie-Hündin schätzte: „Vom 18.Mai bis zum 18. September“. Die Teddybärin, die echte Bärin, willigte ein.

Ein heisser Sommer kündigte sich bereits im Mai an. DasTrio Bär, Hund und Menschin verbrachte die Tage meist am Seerosenteich, in dem Bärin und Hündin sich erfrischten, lagen und sassen und diskutierten. Nachts, wenn die Bärin schlief, leckte die Hündin die Stelle des verschwundenen Auges. Langsam formte sich ein neues Bärenauge. Als die Bärin eines Morgens erwachte, jubelte sie: „Ich kann wieder zweidimensional sehen!“ Aus lauter Freude schnappte sie sich einen Honigtopf, an dem sie stundenlang nippte. Zum Nachtessen kochte ihr die Menschin einen Lachs ohne Haut. Da sie dem Bier reichlich zugesprochen hatte, schlief sie tief und nahm nicht wahr, dass sich die Menschin an ihrem ausgefransten Ohr zu schaffen machte. Am 18. August waren die Wunden der Bärin geheilt, ihr Fell war dichter geworden und dann begannen Hündin und Menschin, die Bärin – auch intellektuell – zu verjüngen. Ihre Nahrung bestand nur noch aus Meeresprodukten, sie  verschlang Hummer und Kaviar, Butts und Eglifilets, St. Peterfisch und Austern, die man für sie öffnen musste. Ihre Haut unter dem nun glänzenden Fell wurde straff, ihr Gang behende und ihre Bewegungen koordiniert. Die Menschin las ihr Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt vor und liess sie klassische Musik hören.

Am 18. September erschienen ihre Freundinnen und purzelten aus Erstaunen in den Teich, so dass dieser überschwappte und das Haus unter Wasser setzte. Sie kreischten und schrieen und schnaubten und schnalzten: „Bist du das, Teddybär?“ Die Bärin stolzte heran und hauchte: „Teddybär? Nun bin ich eine richtige Bärin“.

Die Moral der Geschichte ist – wie meistens – eine Frage: Wird ein Teddy zum Bären oder eine Menschin zum Menschen nur dann, wenn er jung, straff, behende, körperlich ohne Fehl und Tadel, zweiäugig und honigtriefend ist?

 

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