29. Juli 2022 Doris Schöni 0Comment

vom elektriserenden Begriff „Nachhaltigkeit“. Jede Branche wirbt mit diesem Begriff. Er verspricht einen nachhaltigen Gewinn.

Die Kleiderfirmen sind noch zur Zeit auf diesen Zug aufgesprungen. Die C&A schreibt: „Es ist vielleicht nicht unkompliziert, aber dennoch ganz einfach: Nachhaltigkeit ist universell, sie betrifft alles und jeden. Wir bei C&A glauben: Jede Entscheidung für Nachhaltigkeit – selbst die allerkleinste – ist super. Einfach grossartig! Deshalb bieten wir dir eine riesengrosse Auswahl nachhaltiger Mode. Sieht toll aus? Fühlt sich fantastisch an? Hat den gleichen Preis wie konventionelle Mode? Ja, ja und noch mal ja! Denn wir wollen, dass Nachhaltigkeit das Normalste auf der Welt wird. Und im Online Shop und in unseren Filialen machen wir dir die Entscheidung ganz einfach. Ohne Wenn und Aber“. Bonprix preist seine BHs mit dem englischen Adjektiv „sustainable“, die englische Übersetzung von nachhaltig, an.

Nach Wikipedia bedeutet „Nachhaltigkeit“: Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung durch die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme gewährleistet werden soll.

Eine erstmalige Verwendung der Bezeichnung „Nachhaltigkeit“ in deutscher Sprache im Sinne eines langfristig angelegten verantwortungsbewussten Umgangs mit einer Ressource ist bei Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) 1713 in seinem Werk Silvicultura oeconomica nachgewiesen. Carlowitz fragte, „wie eine sothane [solche] Conservation und Anbau denzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag“.

Nachhaltigkeit gilt in einem Wörterbucheintrag von 1910 als Übersetzung von lateinisch perpetuitas und ist das Beständige und Unablässige wie auch das ununterbrochen Fortlaufende, das Wirksame und Nachdrückliche oder einfach der Erfolg oder die Wirksamkeit einer Sache. Vor 1860 war die Bezeichnung als Substantiv noch nicht lexikalisch erfasst, im Rechtschreibduden erstmals 1915 (anders das Adjektiv  nachhaltig); bis in die 1980er Jahre hatte sie alltagssprachlich die Bedeutung von Dauerhaftigkeit und wurde nicht für einen Begriff politischen Sinnes verwendet. Beispielsweise taucht das Wort nachhaltig in Meyers Konversations-Lexikon von 1905 auf im Satz „Um eine nachhaltige Erwärmung der Räume zu liefern, müssen die Kessel der Warmwasserheizung einen verhältnismässig grossen Inhalt besitzen“, und des Weiteren in der Aussage, dass ein Forst  bereits die nachhaltige Form einer Waldwirtschaft darstellt.

Der Begriff wird also neu angewendet, bis zur Bewusstlosigkeit angewendet. Ein Modebegriff, der leicht über die Lippen fliesst. Als Synonyme zu Nachhaltigkeit sind Begriffe wie „Zukunftsfähigkeit“ oder „Enkeltauglichkeit“ aufgekommen. Ab 2009 taucht als Synonym zur Nachhaltigkeit der Begriff enkelgerecht auf. Seit 2010] und verstärkt seit 2014 wird er auch in der Politik ausserhalb des grünen Spektrums und auch in der Nachhaltigkeitsstrategie der deutschen Bundesregierung verwendet. DieDeutsche Nachhaltigkeitsstrategie in der Neuauflage von 2016 ist überschrieben mit dem Slogan „Der Weg in eine enkelgerechte Zukunft“.[ Das Synonym dient als Sinnbild für eine ausgeprägt nachhaltige Welt, in der unser Wirtschaften die Chancen der nachfolgenden Generationen nicht mindert. Manche Autoren stellen fest, dass aufgrund der vielfältigen Definition „Nachhaltigkeit“ zu einem „Gummiwort“ geworden sei. Zugleich wird aber betont, dass die Idee „nur als Gummiwort […] in allen gesellschaftlichen Bereichen kommunizierbar“ werde. Um die Unschärfeprobleme mit der Bezeichnung „Nachhaltigkeit“ zu umgehen, wird bei Auseinandersetzungen über umweltverträgliche Formen der Zivilisation teilweise auf andere Bezeichnungen ausgewichen wie  Zivilisationsökologie oder Zukunftsverträglichkeit, die sich bislang jedoch nicht durchsetzen konnten.

Für viele Unternehmen ist das Attribut „nachhaltig“ zu einer inhaltlich schwer überprüfbaren Komponente ihrer PR-Strategie geworden. Demgegenüber stehen Konzepte des Nachhaltigkeitsmanagements, die unternehmerischen Erfolg mit der Berücksichtigung sozialer und ökologischer Aspekte verbinden. Demnach können sich Unternehmen durch besonders nachhaltiges Handeln einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Auf Französisch heisst Nachhaltigkeit übrigens „durabilité“, was viel eleganter tönt … .

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