1. Juni 2020 Doris Schöni 0Comment

In einem Artikel des BUND vom 29.5.20 schreibt Michael Marti unter dem Titel „Eine nationale Tragödie:  „… Politiker, Intellektuelle, am schrillsten Kulturschaffende wiederholen in diesen Wochen wie ein Mantra Kultur sei ein „menschliches Grundbedürfnis“, eine „Notwendigkeit“ und eine „Grundlage des Seins“. Machen wir uns nichts vor: Auf eine breite Bevölkerung trifft das nicht zu. Die will ins Gartencenter, zum Coiffeur oder versammelt sich in der Illegalität, um Fussballspiele zu inszenieren … . Der Lederball motiviert mehr aufwieglerische Kraft als die gesamte Schweizer Kulturszene … .“

Wussten Sie, dass 800’000 Menschen in der Schweiz einen ganz einfachen Text nicht richtig verstehen können, und zwar nach 9 Schuljahren? Bei einer Bevölkerungszahl von 8.57 Millionen ist das eine erschreckend hohe Zahl an Illettristen (funktionalen Analphabeten). Diese Tatsache sollte die Lehrenden wecken. Sie ins Nachdenken versetzen, wer angesichts dieses Debakels derart versagt hat. In den letzten 20 Jahren hat eine Verwilderung der Sprache stattgefunden. Diese Verwilderung der Sprache begann mit der Dialektwelle in der Deutschschweiz. Das Hochdeutsch wurde oft an Radio und Fernsehen durch Schweizer Dialekt ersetzt. Manche Schweizer beantworten Fragen von Touristen, die sich bemühen, Deutsch zu sprechen, auf Dialekt. Es wurde Mode, Briefe und SMS in Dialekt zu verfassen. Englische Wörter (aus der Computersprache und aus Songs) in den Dialekt einfliessen zu lassen, verkam zum Hype. Viele Menschen sind stolz, so zu sprechen, wie ihnen „der Schnabel gewachsen“ ist. Diese Entwicklung entlarvt einen Nationalismus, der zur Fremdenfeindlichkeit führen kann. Wenn jemand nicht versteht, was er liest, dann liest er nicht. Damit gehen ihm unzählige Informationen und grosses Wissen verloren. Ohne sie verharrt er auf der Stelle. Und ist empfänglich für einfache Lösungen von Problemen mit möglicherweise verheeerenden Konsequenzen.

Aus unerklärlichen Gründen findet eine Nivellierung nach unten vor allem im Bildungssystem statt. Die „terribles simplificateurs“ haben Hochkonjunktur. Der Begriff Allgemeinbildung ist zu einem Schimpfwort verkommen. Elektronik ist bei Lehrern und Schülern hoch im Kurs. Sie verstehen es besser, zu „töggelen“ als Deutsch zu lesen und zu schreiben. Orthografie ist unwichtig geworden. Piktogramme verdrängen das Lesen. Ist es also verwunderlich, dass jene Menschen, denen Lesen und Schreiben schwer fällt, Kultur nicht als „menschliches Grundbedürfnis“, als „Notwendigkeit“ und als „Grundlage des Seins“ erfahren? Dass es ihnen leichter fällt, sich für Fussball zu begeistern als Friedrich Dürrenmatt zu lesen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert