29. November 2021 Doris Schöni 4Comment

Seitdem die Hündin sie verlassen hat, schreibt sie sinnlose Achter in die Luft, auf ihre Jeans, auf das Autofenster. Zwei Nullen mit einem einzigen Strich verbunden. Sie hatte noch nie um einen Menschen derart getrauert. Sie sprach zu ihr: Schau, der erste Schnee. Wie hättest du dich gefreut, wärst gepurzelt und hättest deine Schnauze in den Schnee gesteckt. Und: Komm. Wo bist du? Komm doch wieder. Warum hast du mich verlassen? Wieder sinnentleerte Achter, von links nach rechts und von rechts nach links. Achter, immer wieder Achter. Joints. Schlaftabletten, manchmal Alkohol. Tränenausbrüche nach sieben Monaten. Noch immer wird sie darauf…

23. November 2021 Doris Schöni

Mein kürzlich mit fast 97 Jahren verstorbene Nachbar könnte und sollte für eine grosse Zahl von alten Menschen ein Vorbild sein. Trotz seiner zunehmenden Altersbeschwerden war er immer guter Laune, jammerte und beklagte sich nie und wenn man ihn nach seinem Befinden fragte, antwortete er immer: „Mir gohts guet“. Gegen Abend schleppte er sich in Begleitung seiner Frau, einer seiner Töchter und deren vier Kinder sowie zwei Hunden auf eine nah gelegene Bank, von der er einen freien Blick auf die Aare und die Berge genoss. Danach gab es Abendessen mit bestem Wein sowie einen grossen Whisky vor dem Schlafengehen….

22. November 2021 Doris Schöni

Der Zibelemärit fungiert auf der „Liste der lebendigen Schweizer Traditionen“ und ist somit offiziell einer der wichtigsten Bräuche der Schweiz. Um die Entstehung ranken sich viele Legenden. Der erste Zibelemärit fand schon im 15. Jahrhundert statt und war damals noch ein Teil des Martinimarktes. Dort wurde alles verkauft – alles, ausser Zwiebeln. So soll dann der separate Markt für Zwiebeln entstanden sein. In einer anderen Geschichte wird behauptet, der Zibelemärit gehe auf den Stadtbrand von 1405 zurück. Als damals 650 Holzhäuser niederbrannten und 100 Menschen den Tod fanden, eilten die Freiburger den Bernern zu Hilfe. Als Dank dafür hätten die…

21. November 2021 Doris Schöni 2Comment

Es ist er erste Mensch unter meinen Bekannten, der sich umgebracht hat. Sich mit einer Schiesswaffe zu töten, ist offenbar ein typischer männlicher Suizid. Dazu braucht es den Mut der Verzweiflung. Der erst 71-jährige Bekannte war schon einmal von der Verzweiflung übermannt worden. Als seine Frau vor etlichen Jahren starb, war er untröstlich. Er schämte sich seiner Tränen nicht – ein Macho, wie die meisten Männer seiner Generation -, der schluchzte. Nach und nach erholte er sich und überwand seinen tiefen Schmerz. Der Grund, dass er sich nun aus Verzweiflung aus dem Leben schoss, ist für Menschen, die sehr oft…

15. November 2021 Doris Schöni

Kassiber: Ein Kassiber (aus dem Hebräischen entlehnt)  ist eine geheimgehaltene schriftliche Mitteilung eines Gefangenen an andere Gefangene oder aus dem Gefängnis heraus an die Aussenwelt. Auch: heimliches Schreiben oder unerlaubte schriftliche Mitteilung. Nur sie kennt das Substantiv Kassiber, der Kassiber. Die übrigen Festgesetzten sind entweder Ausländerinnen oder Frauen mit einem weniger gefüllten Bildungsrucksack. Sie wird auch oft zum Übersetzen beansprucht, spricht und schreibt sie doch ausser Deutsch, Französisch und Englisch auch Spanisch, Arabisch und Russisch. Diese Dienste werden durch besondere Privilegien vergütet, sie ist von körperlicher und handwerklicher Arbeit dispensiert und in ihrer Zelle wird das Licht nicht ausgeschaltet. Zudem…

14. November 2021 Doris Schöni

WM-Qualiikationsspiel zwischen der Schweiz und Italien. Fängt schon wieder mit einigen Schweizern an, welche bei der Hymne nicht mitsingen. Die Italiener hingegen singen lauthals. Und kennen den Text der Hymne. Trotzdem ist man für die Schweiz. Die Schweiz vollbringt das erste Goal. Euphorie. Danach wird es zum Sterben langweilig.  Italien gleicht aus. Gegen-Euphorie vor der Pause. In dieser wird die ganze erste Halbzeit erläutert von zwei erprobte Fussballexperten. Jede Spielphase wird analysiert. Jede Aktion  wird durchgekaut. Mit vollem Ernst. Bierernst. Erwachsene Mannen. Hey, es geht doch um ein Spiel. Langeweile bis zum Abwinken. Sie spielen wieder.  Rennen und rennen. Köpfeln…

9. November 2021 Doris Schöni

Innerhalb von wenigen Jahren ist die ganze Welt grün geworden. Die Umwelt steht auf der höchsten Prioritätsstufe. Die Klimajugend drängt auf Meinungsumschwung. Sie klagt die älteren Generationen an, schuld an der Klimaveränderung zu sein. Endlich engagiert sich die Jugend wieder. Alle Schweizer Parteien, mit einer Ausnahme, bekennen sich zum Klimaschutz. Sie sind damt einverstanden, den CO2–Ausstoss bis 2030 massiv zu reduzieren. Alle brüsten sich damit, umweltfreundlich zu sein. Wenige sind jedoch bereit, auf ihre Benzinautos zu verzichten. Sobald des Schweizers Portemonnaie betroffen ist, regt sich Widerstand gegen die Einbussen von persönlichem Komfort. Die Lippenbekenntnisse sind Legion. Jede Firma, jeder Weltkonzern…

8. November 2021 Doris Schöni

Der Tatzelwurm (Heloderma europaeum) ist ein alpenländisches Fabeltier. Er gilt als kleiner Verwandter von Drache und Lindwurm und soll vor allem im Alpenraum und im Alpenvorland vorkommen.1935 wurde, so wird behauptet, ein Exemplar in der Aareschlucht gesichtet. Noch heute wird gewerweisst, ob sich der Tatzelwurm noch immer in der Aareschlucht, versteckt in einer selbstgegrabenen Höhle, befindet. Und wieder hat ein Jahr abgedankt. Reichlich Ungutes hatte sich ereignet, viele Menschen waren erkrankt und starben. Ein Riss entzweite Familien, Freunde, Bekannte, Arbeitgeber und -nehmer, Stadt und Land, Politik und Volk. Unheilvolle Seilschaften waren am Werk, es vereinigten sich Unwissende mit Pseudo-Wissenschaftlern, Sektierer…

5. November 2021 Doris Schöni

Als der alte Bauer um fünf Uhr fünfzehn erwachte, war es draussen noch stockdunkel. Er stand auf, zwängte sich in seine Kleider, ging in die eisige Küche, in der sein Atem Wölkchen bildete, mahlte Kaffeebohnen und bereitete eine grosse Tasse von dampfendem Milchkaffee. Bis es hell wurde sass er ohne Licht vor dem Milchkaffee, fast unbeweglich. Dabei brummelte er vor sich hin, es hätte eine Beschwörung, ein Gebet oder eine Standpauke sein können. Als eine blasse Sonne die Umgebung beschien, schnellte der alte Bauer auf, als wäre er von der wahrhaftigen schwarzen Spinne gestochen worden. Was er sah, erschütterte ihn…

2. November 2021 Doris Schöni

Eines Tages bemerkten Frühaufsteher die sonderbar gefärbte Aare. Unverzüglich benachrichtigten sie Telebärn von dieser Sensation in der Hoffnung auf die hundert Franken, die der Sender jedem Neuigkeitenüberbringer entrichtet.  In der Telebärn-Redaktion herrschte grosse Aufregung, einer der Praktikanten wurde unverzüglich an die Aare geschickt (es herrschte Frost an diesem Morgen), um die Sachlage zu überprüfen. Als er zurückkehrte, hatte er Tränen in den Augen, war er doch ein acharnierter YB-Fan. Die Tränen brachte den Chefredaktor auf die Idee, den Präsidenten des Klubs anzurufen. „Hallo  Fritz“, rief er gellend ins Telefon, „habt ihr die Aare getüpfelt? „Was, warum, nein, keine Ursache, unsere…