Die Diskussion dauerte die halbe Nacht. Der hochintellektuelle, verbitterte, resignierte, aber äusserst ärgerliche Franzose merkte auf als ich den Satz fast lächelnd aussprach: Ich gehöre nirgendwo hin. So habe er sich immer gefühlt: Nirgendwo dazugehörend, aber formuliert habe er es nicht. Im Unterschied zu Ihnen, fügte ich bei, gefällt und entspricht mir diese Erkenntnis. Ich möchte tatsächlich nirgendwo dazugehören. Er, der politische Journalist und Englisch-Französisch-Übersetzer von „romans qui font pleurer Margot“ sah mich zweifelnd an. Assoziierte er meine Aussage mit „chiens sans colliers“? Was nützt angesammeltes Wissen heutzutage? Er und ich ertrinken in einem Meer von Unzulänglichkeiten und Irrtümern. Ein…
Nachdem ich die Sage von Rübezahl verschlungen hatte, wollte ich nur noch Rübezahl sein. Die Vorbilder in meiner Kindheit waren nie niedlich und gut, gehorsam und fleissig; ich eiferte Helden wie Parzival, Bösewichten wie Al Capone, Lausbuben wie Tom Sawyer und eben dem guten und bösen Riesen Rübezahl nach. Der Sage nach ist Rübezahl ein launischer Riese oder Berggeist. Schon der erste Sammler von Rübezahl-Sagen, Johannes Praetorius, beschrieb Rübezahl als charakterlich sehr ambivalenten „Widerspruchsgeist“, der in einem Moment gerecht und hilfsbereit, im nächsten arglistig und launenhaft auftreten könne. Er charakterisierte ihn folgendermassen: „Denn Freund Rübezahl sollt ihr wissen, ist geartet…
Schlechte Noten für die schweizerischen Lehrer: 800’000 Menschen in diesem Land haben Mühe mit Grundkompetenzen wie Lesen und Schreiben, sind also Illetristen. Wie ist das möglich nach 9 Schuljahren? Hätte man nicht aufgehört mit Diktaten und Aufsätzen, wären den Lehrern wohl aufgefallen, dass einige ihrer Schüler ausserstande waren, einige Zeilen zu schreiben. Und im Lesen versagten sie ebenfalls. Es gibt wohl viele Gründe für den Niedergang der Sprache. Einer davon ist sicher – in der Schweiz – die Dialektwelle. Man wies die jungen Leute an zu schreiben, wie ihnen „der Schnabel“ gewachsen ist. Vielleicht wollte man die Jungen damit ermuntern,…
Jaja, viele Leute finden solche Themen überflüssig, da uralt und fürs heutigen Leben nicht tauglich. Neues Wissen ist jedoch wichtig fürs Gehirn. Abgesehen davon sind neue Erkenntnisse über jahrtausend alte Erfindungen unglaublich spannend. Es geht um die in der Nekropole von Sakkara erbaute Stufenpyramide des altägyptischen Königs Djoser aus der 3. Dynastie des Alten Reiches um 2650 v. Chr. Sie ist die älteste, mit einer Höhe von 62,5 Metern die neunthöchste der ägyptischen Pyramiden und eine der wenigen mit einer nichtquadratischen Grundfläche. Die Stufen waren übrigens kein Zufall, sondern hatten einen guten Grund: Die Seele des Pharaos sollte doch über…
Vor 60 Jahren war es gang und gäbe, als junge Frau von älteren, hoch qualifizierten Kollegen sexuell belästigt zu werden. Frau entwand sich und erdudete stillschweigend die Übergriffe. Es ereignete sich in der angesehenen Schweizerischen Landesbibliothek, heute unbenannt in Nationalbibliothek. Die Schweizerische Nationalbibliothek ist eine Institution des Bundesamtes für Kultur innerhalb des Eidgenössischen Departementes des Innern. Einer der Abteilungsleiter, der auch die Auszubildenden betreute und examinierte, war besonders aufdringlich. Unglücklicherweise wohnte er, der ehemalige, dann aber verheiratete und kinderreiche Priester, in der Nähe von mir. Wenn wir beide jeweils am Mittwochabend Dienst hatten, nötigte er mich, mit ihm zu Fuss…
Einmal mehr greift die allgemeine Meinung ein Thema auf, das nur vordergründig brisant scheint. Der Mainstream ächtet den Food Waste, also die Lebensmittel-Verschwendung. Etwas hinkt bei dieser Verschwendungsmanie: einerteils achten besonders jüngere Leute akribisch auf Lebensmittel, die möglicherweise abgelaufen und ihrer Meinung nach dann nicht mehr essbar sind, andernteils jedoch ist es für sie mittlerweile ungehörig, Lebensmittel wegzuschmeissen, auch wenn sie das Ablaufdatum kurz überschritten haben. Ein Dilemma? Oder ein Time Waste? Eine Verschwendung, über die nie ein Wort zu vernehmen ist, betrifft die Möbel der Eltern, Grosselten,Tanten und Grosstanten sowie von weiteren Verwandten. Wenn diese Verwandten das Zeitliche gesegnet…
Kindliche Prägungen sind unauslöschlich. Eine meiner Tanten lehrte mich ungewollt Grosszügigkeit. Nicht die leichtfüssige Grosszügigkeit der Reichen. Ganz im Gegenteil. Sie war arm wie eine Kirchenmaus, kämpfte als früh verwitwete Künstlergattin mit zwei Kindern ums finanzielle Überleben. Sie führte ein Antiquitätengeschäft, lebte von der Hand in den Mund, wenn wir jedoch zu Besuch kamen, tischte sie herrliche Patisserie auf, die sie bestimmt anschreiben lassen musste. Ihre Freigebigkeit beeindruckte und beeinflusste mich. Jung und unerfahren glaubte ich fest daran, dass man knauserige Menschen mit Grosszügigkeit zur Grosszügigkeit verhelfen könne. Das glaube ich eigentlich noch immer, doch dieser Glaube hat im Laufe…
Nun sitzt die alte Frau wie an jedem Tag im Rollstuhl, der ganz eng an einem Tisch geschoben worden und blockiert ist, so dass sie nur den Oberkörper bewegen kann.Sie spricht nicht mehr, auch nicht mit ihrer Nichte. Stumm und apathisch trinkt sie aus einem Glas, das leer ist und löffelt aus einer Schale, die nichts enthält. Man hat sie wohl wieder mit Medikamenten ruhig gestellt, damit sie nicht rebelliert, sich gegen körperliche Übergriffe nicht wehrt wie ein gefangenes Tier, den geregelten Tagesablauf nicht stört, so dass die Tagesschichtbesatzung wohlgemut ihre Arbeit ordentlich beenden kann. Endlich Ausgang. Der Gedanke an…
Wundern Sie sich auch darüber, dass es heutzutage nicht mehr möglich ist, mit Anstand, Respekt und Argumenten über sich divergierende Meinungen und Ansichten zu sprechen? Bei solchen Diskussionen werden die Beteiligten sehr oft laut, grob und beleidigend, sie führen meistens zu einem schwerwiegenden Konflikt. Beispiel: Impfbefürworter und -gegner. Sie sind sich spinnefeind. Warum eigentlich? Man kann doch verschiedener Meinungen sein und sich trotzdem vertragen. Wobei: Impfgegner haben ein schlechtes Gedächtnis. Hätten sie als Kinder keine Impfungen bekommen, so würden sie womöglich heute mit einem pockenartigen Gesicht und einer Beinschiene durchs Leben humpeln. Natürlich gibt es auch Kinder ohne Impfungen, die…
Ich war wohl noch keine zwölf Jahre alt, als ich durch eine glückliche Fügung Reco (ausgesprochen Retschko), einen wilden Foxterrier, bekam. Im gleichen Haus wohnte damals eine tschechoslowakische (zu jener Zeit hiess das heutige Tschechien Tschechoslowakei) Diplomaten-Familie mit dem Welpen Reco. Ich hatte ihn ins Herz geschlossen und ging oft mit ihm spazieren. Als der Diplomat in sein Land zurückgerufen wurde, schenkte er mir den Foxterrier. In meiner Freude kam mir nicht in den Sinn, dass Reco vielleicht unter der Trennung von seiner Familie leiden könnte. Reco hatte eine Macke. Die Flugreise von Prag nach Zürich hatte ein Lärm-Trauma beim…