29. Mai 2020 Doris Schöni

Dies sprach der 33-jährige russisch-deutsche Pianist Igor Levit, bevor er sich an den Flügel setzte. Als er aus den Goldberg-Variationen die Aria spielte, überwaltigte mich ein selten auftauchendes Glücksgefühl. Und eine Erkenntnis aus der tiefsten Tiefe meiner selbst. Levits Aussage ist doppelschneidig. Er richtet sie an sich, an seine Kunst. Sie spornt ihn an, am Tag danach noch besser zu spielen. Das Verb „sich zufriedengeben“ ist in diesem Sinn wohl ein Ausdruck für Mittelmässigkeit und Selbstzufriedenheit. Die andere Seite dient den Ehrgeizigen, sich rücksichtslos nach vorne zu drängen. Der Satz bedeutet auch Expansion, wie zum Beispiel das Abholzen von Urwald,…

27. Mai 2020 Doris Schöni 1Comment

„Nach einem langen, erfüllten Leben …“. Tim erbettelte sich das Katerchenn, zusammen mit dessen Muttter, als er sieben Jahre alt war. An seinem heutigen, 27. Geburtstag, starb der Kater mit 20 Jahren. Tim und sein Vater hoben das Grab aus, wir alle schwiegen bei der Grablegung, eine wandte sich weinend ab. Ich. Er änderte seine Liegeplätze oft. Eine seiner Lieblingsstätte war eine Kartonschachtel, viel zu klein für ihn, doch es gelang ihm, sich hinein zu winden. Sie war mit allerlei Papier gepolstert. in dieser Kartonschachtel schlief und wachte er.   Vor etwa 10 Jahren mietete ich, eine Hundefrau, ein Haus…

22. Mai 2020 Doris Schöni

Es war einmal … oder es war so: Ich sterbe und es ist wie das Eintauchen in einen tiefen, schweren Schlaf. Als ich erwache befinde ich mich in einem riesigen Saal vollgestellt mit Vexierspiegeln. Ich betrachte die verzerrten Bilder von mir, die von der Geburt an bis zum Tod mein Leben dokumentieren. Dass ich in einem Spiegel spindeldürr und im nächsten kugelrund bin, lächert mich. Ein fou-rire erfasst mich, und ich kann nicht aufhören, zu lachen. Plötzlich tritt zwischen den Vexierspiegeln eine jüngere Frau auf mich zu. Sie sieht aus wie eine Bankangestellte, trägt ein Deux-Pièces, Strümpfe und Schuhe mit…

11. Mai 2020 Doris Schöni

Es war einmal ein kleines, fettes Fröschlein. Höhere Weihen waren für es im Lebensplan nicht vorgesehen. Die Fröschin war in eine kinderreiche Familie hineingeboren worden. Anstelle der Vornamen trugen alle seine Geschwister Nummern, das heisst, römische Zahlen. In einem Familien-Heftli, nein,es war nicht der „Hinkende Bot“, hatte die Mutter zum ersten Mal die römischen Zahlen zu Gesicht bekommen. Die Formen dieser Zahlen beeindruckten sie, so dass sie beschloss, ihre Kinder römisch zu nummerieren. Mit der Nummer XIII hatte das kleine Fröschlein nur noch ein Ziel, nämlich als Froschkönigin den „prince charmant“ zu erobern, um dem familiären Umfeld zu entrinnen. Unter…

5. Mai 2020 Doris Schöni

Es ist meines Fernsehers Schwanengesang. Der Jahrgang des Kastens ist nicht mehr eruierbar, seine Bildschirmgrösse löst bei vielen Leuten ein mitleidiges Gelächter aus und es fehlen die heute üblichen Apps wie Netflix, Youtube und Holly Star, die den Zugriff auf „eine riesige Welt voller spannender Unterhaltung“ bieten. Es ist ein Armutszeugnis, auf eine solche Unterhaltung mit „unglaublich realistischen Bildern“, wie ich sie noch nie gesehen haben soll, freiwillig zu verzichten. Da der alte Kasten nun Geist und Körper aufgibt, wird es mir vergönnt sein, „ausdrucksstarke Details in leuchtenden Farben, so natürlich wie nie zuvor“, zu erleben. Erlebnis, ein Muss-Wort dieser…