26. Juni 2017 Doris Schöni 1Comment

Stellen Sie sich vor: Ihnen wurde Unrecht getan. Sie wehren sich dagegen. Schreiben Briefe und E-Mails, die Antworten erheischen. Doch diese Antworten bleiben aus. Die Adressaten schweigen. Das Thema wird totgeschwiegen. Totschweigen ist eine beliebte Taktik.  Es ist der Wunsch, etwas Geschehenes ungeschehen zu machen. Ein psychologischer Definitionsversuch von Totschweigen gilt als persönlich motivierte Verdrängung, Vermeidung, Unterdrückung des Ausdrucks als Folge von Angst, Druck von innen, Furcht, Furchtsamkeit, Angst, Ängstlichkeit, Verängstigung. Nicht antworten, nicht beantworten, nicht verantworten, eine Antwort schuldig bleiben, im Unklaren zurücklassen, verunsichern, in der Gummizelle des Schweigens keiner Antwort würdig erklären. Etwas nicht erwähnen, um den Eindruck…

22. Juni 2017 Doris Schöni

In der NZZ am Sonntag (18.6.17) warnt ein Artikel über den Vormarsch des Antisemitismus in Europa. 72 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, während dessen 5,6 bis 6,3 Millionen europäische Juden ermordert wurden, geistern erneut altbekannte Vorurteile und Klischees durch die Gehirne vieler Europäer. Besonders verwerflich ist der Antisemitismus bei Staatspräsidenten, zum Beispiel jenen von Ungarn und Polen. Mit längst revidierten Anschuldigungen gegen die Juden als „Brunnenvergifter“, „Räuber von christlichen Kindern“ oder „Kreuziger von Jesus Christus“ sowie mit der Kritik am Staat Israel wird der Antisemitismus wieder salonfähig. Verflogen ist die Begeisterung für das kleine Land Israel nach dem Sechstagekrieg,…

19. Juni 2017 Doris Schöni

Sommer. Boote auf der Aare. Freigleitende. Zusammengefügte. Mit Einhorn und Pelikan geschmückte. So weit, so gut. Und Bum-Bum-Bum. Jedes dritte Boot verbreitet Bum-Bum-Bum. Laut hallendes Bum-Bum-Bum. Aggressive Bässe. Das gefällt. Aber gefällt es allen, die damit beschallt werden? Es gibt Menschen der leiseren Töne. Sie würden harmonisch-heitere Musik, Musik, nicht Musikschrott, von Mozart oder Telemann vorziehen. Sie sind in der Minderheit. Deshalb werden sie übertönt. Keiner der Böötler ahnt, dass es eine solche Gattung Mensch gibt. Bum-Bum-Bum. Klassische Musik scheint subversiv geworden zu sein. Die Bum-Bum-Bum-Geniessenden geben den Ton, die Musik, die Selbstverständlichkeit, dazu zu gehören, an. Wohin zu gehören?…

16. Juni 2017 Doris Schöni

Dieses Sprichtwort beruht auf einer wahren (?) Geschichte. Einer der bedeutendsten Maler des antiken Griechenlands und des ganzen Altertums,  Apelles, stellte eines seiner Bilder öffentlich aus. Er versteckte sich in der Nähe, um unbemerkt die Meinung der Betrachter zu erfahren. Ein Schuster meinte, auf dem Bild sei ein Schuh nicht richtig gemalt. Diese Kritik fand Apelles berechtigt. Er korrigierte das Bild. Am nächsten Tag kam der Schuster wieder. Diesmal kritisierte er die Form der Beine, die Bekleidung und noch mehr. Das liess sich Apelles nicht gefallen, trat aus seinem Versteck hervor und rief: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“  Heute wird…

13. Juni 2017 Doris Schöni

… Menschen nach dem fünfzigsten Altersjahr oder gar jenseits des Pensionierungsalters keine Arbeit mehr finden? Wer ist verantwortlich für die gängig gewordene These, ältere Personen seien langsam, kompliziert, nicht mehr innovativ, rückwärtsgewandt, festgefahren oder sogar latent dement? Warum beschuldigt man sie, Jüngeren – vor allem Familienvätern – schliesslich selber verantwortlich für ihre Familien – die Arbeit wegzunehmen, obwohl sie mit einem beschränktem Pensum und in Nischenberufen tätig sein möchten? Es gibt Menschen, die zählen die Tage, ja die Stunden, bis zur Pensionierung. Sie verrichteten wohl eine Arbeit, die ihnen nicht viel bedeutet. Sie sitzen ihre Zeit ab, aber dann, dann…

8. Juni 2017 Doris Schöni

… hat auch seine Vorteile. Zumindest für Frauen. Gegen Mitternacht wartete ich im Kurzparking des Bahnhofs Bern auf Nachbaren. Ich hielt mich ausserhalb des Autos  auf, um ihnen mit dem Gepäck behilflich zu sein. Nur hin und wieder tröpfelten Bahnreisende herbei. Unter ihnen ausländische Männer brauner Hautfarbe, die ja, nach gängiger Meinung, besonders gefährlich sein sollen. Sie gingen achtlos an mir vorüber. Ich dachte fünfzig Jahre zurück. Sie hätten mich wohl angesprochen. Wie ein muskulöser Weisshäutiger, der sichtlich auf Abenteuer aus war. Auch er beachtete mich nicht. Trotz Nacht, Sommer und Menschenleere blieb ich völlig unbehelligt.  Wie froh ich doch…